Nina Rehfeld                      Texte

 

 

Abstinenz statt Verhütung

 

Dank einer religiös motivierten Gesundheitspolitik haben die USA eine der höchsten Teenager-Schwangerschaftsraten der industrialisierten Welt.

 

Erschienen in der Berliner Zeitung, Dezember 2007

 

 

 

 

 

Wer in Huntsville, Alabama in Sherri Williams´ Laden "Pleasures" ein Sexspielzeug erwerben möchte, der muss erst einmal einen medizinischen Fragebogen ausfüllen. "Wenn Sie eine dieser Fragen mit ja beantworten", heißt es darauf, "ist das ein Hinweis, dass Sie dieses Produkt für medizinische Zwecke erwerben."  Die Fragen reichen von einem unerfüllten Sexualleben bis hin zu Fruchtbarkeitssproblemen. Doch Ms. Williams ist weniger um die Gesundheit ihrer Kunden als um ihre eigene Sicherheit besorgt. Denn in Alabama ist der Verkauf von Sexspielzeug, genauer: von "Geräten, die zu dem Zweck entworfen oder angeboten werden, menschliche Genitalien zu stimulieren", seit zehn Jahren illegal. Und seit zehn Jahren zieht Sherri Williams gegen dieses Verbot vor Gericht, unter Berufung auf das Recht auf Privatsphäre. Zweimal gewann die 43-Jährige, beide Male wurde das Urteil in der Revision gekippt. Begründung: Das Verbot halte die öffentliche Moral aufrecht. Zuletzt zog Williams sogar vors Oberste Bundesgericht – und wurde abgewiesen. Doch sie denkt gar nicht daran, keine "quivering cocks" und "cyberskin pussies" mehr zu verkaufen. "Die müssen sie mir schon aus meinen toten, kalten Fingern winden", sagt die 43-Jährige und lacht.

 

Die öffentliche Moral in den USA zeichnet sich nicht nur in Alabama durch ein überaus feindseliges Verhältnis zu Sexualität aus. 2002 ließ der damalige Bundesanwalt John Ashcroft die nackten Brüste zweier lebensgroßer Justitia-Skulpturen im US-Justizministerium verhängen. Im Sommer 2006 zahlte der amerikanische Fernsehsender CBS eine Strafe von über einer halben Million Dollar wegen des "Garderobenunfalls" von Janet Jackson in der Halbzeit der Superbowl-Übertragung, bei dem für Sekunden ihre immerhin noch mit einem Stern bedeckte Brust zu sehen war. Und Ende desselben Jahres wurde in Maryland, keine Autostunde von der US-Hauptstadt Washington, ein fünfjähriger Junge, der einer Mitschülerin in den Po gekniffen hatte, wegen sexueller Belästigung aus seinem Kindergarten verwiesen.

 

"Wir sind alle zu Opfern der Christian Coalition geworden, die ihre Schuldgefühle und ihre Scham auf uns übertragen", klagt Sherri Williams. Sie sei zwar selbst Kirchengängerin. "Aber ich halte nichts davon, meine Meinung anderen aufzudrängen."

 

Viele bibeltreue Christen in den USA sind dagegen auf einer Mission, das öffentliche Leben den Standards ihrer persönlichen Moralvorstellungen zu unterwerfen. Der "Parents Television Council", etwa hat bereits hunderttausende Fernsehstunden nach Unflätigkeiten und nackten Körperteilen durchkämmt, um "Anstand in der öffentlichen Unterhaltung wiederherzustellen." Mit der aktiven Unterstützung von Verbänden wie "Focus on the Family", der Eltern Bücher wie den "Elternratgeber zur Verhinderung von Homosexualität" nahelegt,  stimmten 2004 die Bürger von elf US-Bundesstaaten für ein Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen. Und weil sich die Bibeltreuen in ihren religiösen Gefühlen fühlen oder ihre Kinder moralisch verderblichen Einflüssen ausgesetzt sehen, müssen Kunstgalerien Warnschilder vor womöglich nicht kindertauglichen Exponaten aufstellen, und gilt öffentlichen Urinieren, auch von kaum windelentwöhnten Kleinkindern, vielerorts als Sexualdelikt.

 

Doch es geht längst nicht mehr bloß um Ansichtssachen. Die öffentliche Tabuisierung von Sexualität, ausgerechnet in einem Land, dessen Image gern mit "Sex and Crime" umschrieben wird, zeitigt erschreckende Folgen. Die Vereinigten Staaten haben die höchste Teenager-Schwangerschaftsrate aller Industrieländer - 75 von 1000 Frauen zwischen 15 und 19 werden hier schwanger , das sind fast fünfmal so viele wie in Deutschland - und die Durchseuchung mit Geschlechtskrankheiten ist bedenklich hoch. Grund dafür dürfte nicht zuletzt ein von der Regierung Bush gefördertes öffentliches Sexualkundeprogramm sein, das man eher in einem islamistischen Gottesstaat als in einer modernen Industrienation vermuten würde: Es ruft die Jugendlichen zur Enthaltsamkeit auf und erwähnt Verhütungsmittel, wenn überhaupt, bloß als schlechtere Alternative.

 

Die Regierung von George W. Bush, der sich selbst als bibeltreuer Christ begreift, förderte 2006 sogenannte Abstinenz-Programme mit 206 Millionen Dollar. Bundesstaaten, die von diesen Geldern Gebrauch machen, müssen Teenagern zur Vermeidung von ungewollten Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten ausschließlich zur Enthaltsamkeit raten und dürfen keine Anleitung zum Einsatz und Umgang mit Verhütungsmitteln geben. Nach Angaben des Fachmagazins "Perspectives in Sexual and Reproductive Health" hatte 2002 ein Drittel aller US-Teenagerinnen vor dem ersten Sex keinerlei Unterweisung im Gebrauch von Verhütungsmitteln erhalten. 2007 lehnten nur sieben Bundesstaaten die Abstinenz-Fördermittel ab.

 

Irrsinn? Im Gegenteil, sagt Linda Klepacki von "Focus on the Family". "Enthaltsamkeit ist der gesündeste Ansatz im Umgang mit dem Problem – in körperlicher, geistiger, emotionaler und spiritueller Hinsicht." Gott habe Sex als intime Vereinigung zwischen zwei Menschen, und nur diesen beiden Menschen, bestimmt. Christliche Verbände wie ihrer, so Klepacki, betonten die Gefahren von sexueller Aktivität vor der Ehe und die Fehlerrate gängiger Verhütungsmittel, um der Jugend die "ganze Wahrheit" über Sexualität zu vermitteln. "Wir bringen unseren Kindern ja auch nicht bei, wo sie die besten Drogen finden, wenn sie schon Drogen nehmen müssen", so Klepacki. "Wir vermitteln den denkbar höchsten Standard."

Shandelle Wolters, 27, aus Phoenix, Arizona, war gerade 15 geworden, als sie mit ihrer Tochter schwanger wurde. Arizona macht von "abstinence-only"-Fördergeldern Gebrauch – und liegt seit Jahren in den Statistiken zu Teenagerschwangerschaften ganz vorn. "Wir hatten in der Schule Anatomie-Unterricht – so sind Mädchen gebaut, so sehen Jungs aus", sagt Wolters. "Aber an Unterricht über Verhütungsmittel kann ich mich nicht erinnern." Sie sagt, sie habe die Pille genommen, als sie dennoch schwanger wurde, wie auch mehrere andere Mädchen aus ihrem Jahrgang.  Eine, erinnert sich Shandelle Wolters, hatte drei Kinder zur Welt gebracht, bevor sie den Schulabschluss in der Tasche hatte. "Das war echt zum Fürchten." Wolters zog ihre eigene Konsequenz. "Ich hatte lange, lange Zeit erstmal lieber gar keinen Sex mehr."

Angst vorm Sex als Alternative zur Aufklärung? "Kids müssen über ihren Körper Bescheid wissen", sagt Jessica Sheets von der "Nationalen Kampagne zur Verhinderung von Teenager-Schwangerschaften". Sheets sagt: "Klar ist Enthaltsamkeit die effektivste Methode zur Vermeidung von Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten. Aber viele Teenager werden dennoch Sex haben, und sie müssen darüber informiert sein, wie sie sich schützen können."

 

Doch Ignoranz ist ein mächtiger Gegner, und in einer öffentlichen Atmosphäre, in der Sexualität als diffus gefährlich betrachtet und die Konfrontation damit als potenziell schädlich angesehen wird, ist die Kopf-in-den-Sand-Haltung noch immer das Mittel der Wahl. Erst kürzlich dehnte die US-Regierung ihr Abstinenz-Programm auf unverheiratete Erwachsene bis zu 29 Jahren aus, um sich des Problems außerehelicher Schwangerschaften anzunehmen.

 

Und als im Dezember Jamie Lynn Spears, Britneys kleine Schwester und Teenagerstar aus der Fernsehserie "Zoey 101", ihre Schwangerschaft bekannt gab, stand die Absurdität der amerikanischen Sexualerziehung plötzlich im prallen Rampenlicht. Sie sei "überrascht" von ihrer Schwangerschaft, sagte die Sechzehnjährige in aller Naivität. Und ihre Mutter Lynne, 52, gestand: "Ich war schockiert – dabei ist Jamie Lynn abends immer pünktlich zu Hause gewesen!"

 

 

 

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