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Ein Fürst träumt von Afghanistan
Der Aga Khan fördert ein einzigartiges Kultur-
und Bildungsprogramm in den zentralasiatischen Nationen entlang der alten
Seidenstraße – er kämpft gegen das Erbe der Taliban, gegen Armut, Drogen und
Verfall.
Erschienen August 2003 in der ZEIT
Text: Henrike Thomsen, Fotos: Claudio Fragasso
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Das Streben nach Wissen ist die Pflicht aller Muslime – eines jeden
Mannes und jeder Frau“ lautet das Motto von Zentralasiens ältester
Hochschule. Die Inschrift steht in das Eingangsportal der Medresse Ulug Beg
in Buchara gemeißelt, aber aus ihr spricht der vergessene Stolz der alten
Seidenstraßenregion zwischen Iran, Russland, China und Indien. Zentralasien
gilt heute als Brutstätte eines unaufgeklärten Islamismus. Von hier ging der
Fundamentalismus in seiner krassesten Form hervor: die Taliban, ein Lumpenkriegerproletariat,
in radikalen Koranschulen in Nordpakistan und Afghanistan gedrillt für den
Dschihad. Dass die Region der Bamiyan-Vandalen einmal für ihre kulturellen
Leistungen berühmt war, ehe sie zum bloßen Spielball der Weltpolitik verkam,
ist beinahe verschüttet.
Die Seidenstraße zählt zu den mythischen Orten der islamischen
Geistesgeschichte. Bis zum 15. Jahrhundert hatte sie urbane Zentren wie
Buchara und Samarkand
hervorgebracht, deren Universitäten, Sternwarten, Hospize und Moscheen es mit
den europäischen Zentren der Renaissance aufnehmen konnten. Das
hellenistische Erbe von Alexander dem Großen, buddhistische Traditionen sowie
der Sufismus, eine mystische Spielart des Islam, hinterließen ihre Spuren. In
der jahrhundertealten Toleranzkultur nahmen auch die schönen Künste eine hohe
Stellung ein. „Die Menschen verbringen ihre Zeit fast nur damit, auf
Instrumenten zu spielen, zu singen und zu tanzen“, notierte Marco Polo.
Nichts könnte weiter entfernt sein
von diesem goldenen Vergangenheitsbild als die aktuelle Realität.
Tadschikistan, das alte Mutterland der heute usbekischen Städte Buchara und Samarkand, zählt zu den
20 ärmsten Ländern der Welt. Bei den Nachbarn Usbekistan, Kasachstan,
Kyrgystan oder Pakistan
sieht die Lage kaum besser aus. Von Afghanistan schwappten islamistische
Fundamentalisten, Drogen- und Waffenschmuggler herüber, die das Staats- und
Gesellschaftsgefüge gefährden. Das Bildungswesen ist marode. Die
Staatsuniversität von Tadschikistan verfügt nicht einmal über genügend Geld,
um die morschen alten Bankpulte der Studenten zu ersetzen. Ein ehemaliger
Dorfschullehrer unterrichtet sein radebrechendes Englisch an der
Sprachenfakultät in der Hauptstadt Duschanbe. Umso irrealer wirkt es, wenn
man hier plötzlich ein funkelnagelneues Sprachlabor entdeckt, in dem ein
redegewandter Kanadier mithilfe von Musikbeispielen unterrichtet. Der Lehrer
befeuert seine Studentinnen mit einem wilden Mix aus Béla Bartók, Sex Pistols
und dem türkischen Schlagerstar Tarkan. Er konfrontiert sie mit Fragen zum
Verhältnis zwischen Musik und Politik, zwischen Kunst und Macht. Immer wieder
sagt er einen Satz: „I want you to think.“
Das Sprachlabor und der englischsprachige Pädagoge verdanken sich dem Aga
Khan Humanities Project. Die geistes- und sozialwissenschaftlichen
Förderkurse dieses Programms bilden neuerdings Teil des Uni-Angebots in
Tadschikistan, Kyrgystan und Kasachstan. Doch ihr Signal an die ganze Region
lautet: Neue Denker, Meinungsführer und Eliten müssen her, oder Zentralasien
wird seiner Probleme nicht Herr werden. Nach dem jahrelangen Schwund der
gesellschaftlichen Führungsschicht durch Bürgerkriege und Verfolgung ist das
eine naheliegende Einsicht. Dennoch erhält der Appell durch den Spiritus
Rector des Humanities Project eine besondere Brisanz.
Der Aga Khan ist ein Muslimführer, der um die Aussöhnung zwischen der
islamischen Welt und dem Westen bemüht ist. Das spirituelle Oberhaupt der
Ismaeliten, einer schiitischen Splittergemeinde von weltweit 17 bis 20
Millionen Gläubigen, ist ein liberaler Vordenker, der selbstbewusst sowohl an
seine Harvard-Erziehung als auch an den Koran anknüpft. Nebenbei ist der Aga
Khan ein Lebemann und findiger Unternehmer – kurz, er verkörpert das Ideal
eines modernen Islams, wie es die Vereinten Nationen sich nicht schöner
ausmalen könnten.
Bei uns ist der 67-jährige Karim
Aga KhanIV. eher aus der Klatschpresse bekannt: Er gilt als einer der
reichsten Männer der Welt mit einem Schloss bei Paris, einem Stall voll kostbarer
Rennpferde und einer eleganten deutschen Gräfin als zweiter Ehefrau. Dass der
49. Imam der Ismaeliten ein studierter Islamwissenschafter ist und laut Spiegel das weltweit größte private
Entwicklungshilfe-Netzwerk betreibt, wissen nur wenige. In Zentralasien
hingegen erweist man ihm eben deshalb besonders Reverenz. Das Aga Khan
Development Network (AKDN) ist hier seit den neunziger Jahren aktiv, nicht
nur zur Unterstützung für die hier zahlreich lebenden Ismaeliten, sondern zur
Stabilisierung der gesamten Region, besonders seit dem 11. September.
Die Ismaeliten nahmen in der islamischen Welt stets eine Rolle ein, die
an die der Juden gegenüber den Christen erinnert. Die Gemeinde, die im 8.
Jahrhundert aus unterschiedlichen Auffassungen über die Nachfolge des
schiitischen Glaubensführers Ali hervorgegangen war, blieb eine Minderheit.
Als solche aber definierte sie sich besonders über ihre geistigen und
literarischen Interessen, ihren Fleiß und ihren betont rationalen
Glaubensansatz. (Insofern haben die Ismaeliten auch einen protestantischen,
wenn nicht gar kalvinistischen Zug.) Nach dem Mongolensturm im 13.
Jahrhundert verstreute sich die Gemeinde von Nordafrika und Nordiran bis nach
China
und Indien. Die Imame residierten bis um 1830 in Persien, wo sie vom Schah
den Fürstentitel „Aga Khan“ erhielten. Der Großvater des amtierenden Imam
begann im frühen 20. Jahrhundert, die Spenden seiner Gläubigen nachhaltig in
Universitäten, Schulen und Begabtenförderung zu investieren. 1937 wurde er
Präsident des Völkerbundes und zog von Bombay
nach Genf, wo heute das AKDN seinen Sitz hat und Karim Aga KhanIV. geboren
wurde, der seit 1957 die Geschicke der Ismaeliten lenkt.
Professoren für Bienenzucht und Hühnerhaltung
Großvater und Enkel haben die
Gelder ihrer Gemeinde geschickt in Banken, Versicherungen und Unternehmen
angelegt, die Gewinne abwerfen, um wiederum andere Hilfsprojekte zu speisen.
Zuletzt gewann die Aga-Khan-Gruppe die Ausschreibung für den Aufbau eines
Handy-Netzes in Afghanistan.
Das Imamat legt jedoch Wert darauf, dass es sich bei dem für 2001
ausgewiesenen Vermögen des AKDN von 516 Millionen Dollar um den Besitz aller Ismaeliten handelt. Der Ruf vom legendären
persönlichen Reichtum der Imame war fälschlich entstanden, als sich der Sultan
Mohammed Schah Aga KhanIII. 1946 in Edelsteinen aufwiegen ließ. Später
begründete er damit Unternehmen wie die Diamond Trust Bank in Afrika, deren
Name die Verwendung des Vermögens dokumentieren sollte und die heute eines
der finanziellen Rückgrate des AKDN bildet.
Die nichtkommerziellen Ableger des weit verzeigten Hilfswerks
unterstützen Krankenhäuser, Landwirtschafts-, Kleinkreditprojekte und
Frauenprogramme – sowie immer wieder Kultur und Bildung. 2001 investierte man
100 Millionen US-Dollar in Hilfsprojekte in Afrika, Asien und im Nahen Osten.
Viel Geld davon stammt inzwischen von den zahlreichen internationalen
Geldgebern, mit denen das AKDN seit Jahren kooperiert – darunter Deutschland
und die USA,
die Weltbank, die Europäische Kommission und die UN. Man kann sagen, dass es
sich um einen regelrechten Entwicklungshilfekonzern handelt, mit dem Aga Khan
als umtriebigem Generaldirektor.
Zugleich aber ist es ein hoch
religiöses Lebenswerk, welches das historische Selbstverständnis der
Ismaeliten untermauert – den Anspruch, einem toleranten und besonders sozial
engagierten Islam den Weg zu bereiten. „Man kann nicht von der islamischen
Welt sprechen und dabei die Idee des Pluralismus zurückweisen“, sagte der Aga
Khan in einem Interview mit der amerikanischen Zeitschrift Architectural Record. „Der Islam unterstützt die Menschen in ihrem Recht,
ihr eigener Herr zu bleiben und sich ihr Urteil selbst zu bilden.“
Hoch im Pamirgebirge, direkt über dem Grenzfluss nach Afghanistan, liegt die
tadschikische Kleinstadt Khorog. An einem unauffälligen Haus in der Lenin Street
weht ein zitronengelbes Banner mit der Aufschrift „University of Central
Asia“. Dies ist die Keimzelle des jüngsten Aga-Khan-Projekts: eine
länderübergreifende Universität für ganz Zentralasien. Im Gegensatz zur
bereits bestehenden, auf Medizin spezialisierten Aga
Khan University in Pakistan
soll die UCA vor allem Wirtschafts- und Sozialwissenschaften anbieten. Ab
2004 will das staatlich anerkannte Privatinstitut in Tadschikistan, Kyrgystan
und Kasachstan ein speziell auf Gebirgsregionen zugeschnittenes Programm
aufbauen. Studiengänge in Umwelt- und Ressourcenmanagement, Wasserwirtschaft,
Ökotourismus und Sozialarbeit im ländlichen Raum sollen bis 2007 entstehen.
Bisher aber gibt es nur ein Erwachsenenbildungsprogramm, das in dem
kleinen Haus in der Lenin Street
koordiniert wird. Die meisten Menschen in der Region erhalten über die neunte
Klasse hinaus keine Weiterbildung. Und auch der Pflichtunterricht ist mehr
schlecht als recht. Die UCA schickt junge Lehrerinnen vor Ort, um überhaupt
erst die Voraussetzungen für den erhofften Bildungsboom zu schaffen. Die
Schüler – alte Männer mit Turban, junge Männer mit Goldzähnen, aber auch
viele junge Frauen in leuchtend bunten Kleidern – können die Seminarthemen
selbst mitbestimmen. Ganz oben auf der Wunschliste stehen Bienenzucht,
Hühnerhaltung oder Basishygiene für die Familie.
So bescheiden sind die Anfänge der University of Central
Asia, die noch kaum über das Niveau einer Volkshochschule
hinausreichen. Dabei will sie wie die bewährte Aga Khan University schon bald
eine Eliteschmiede sein, ausgerüstet mit modernster Internet-Technik,
Bibliotheken, 60 Prozent ausländischen Lehrern und der Unterrichtssprache
Englisch. Auch Afghanistan
und Pakistan
sind eingeladen, ihre besten Studenten zu entsenden. Insgesamt sollen
mindestens 1500 jährlich in den drei Fakultäten immatrikuliert sein. Mithilfe
von breitem Fern- und Erwachsenenunterricht will man bis hin nach Iran und China aber sogar bis zu 50
Millionen Menschen erreichen.
Es ist, als wollte der Aga Khan mit dem überaus ehrgeizigen Projekt die
Scharten auswetzen, die der Lauf der Geschichte Zentralasien geschlagen hat.
Im Ödland der alten Seidenstraße träumt er wie Prospero, Shakespeares
literarische Verkörperung des idealen Renaissancefürsten, von der Rückkehr
des alten Glanzes von Geist und Kultur. Die UCA mit ihrem Hauptcampus in
Khorog soll wie ein Bollwerk gegen die Drogen- und Waffenschmuggler weithin
sichtbar auf einem Felsplateau über dem Grenzfluss sitzen. Doch um diese Idee
zu realisieren, wird das AKDN neben dem vom Imam gestifteten Startbudget von
15 Millionen Dollar viele internationale Zusatzmittel auftreiben müssen.
In Khorog selbst lässt sich diese Gefahr in Form einer Brücke besichtigen.
Der Imam hat sie am Südrand der Stadt über den Grenzfluss bauen lassen und im
November 2002 persönlich eingeweiht. Jahrzehntelang war der ruhig fließende,
flache Pjandsch ein schwer bewachtes, unüberwindliches Hindernis gewesen. Die
Bevölkerung jubelte über das symbolische Ende der Teilung. Tatsächlich aber
ist die Brücke bis heute unpassierbar, weil die russischen Soldaten, die für
das militärisch schwache Tadschikistan weiterhin die Grenze schützen, keine
Visa für Afghanen erteilen. Selbst Hilfsorganisationen müssen sich in einem
komplizierten Ritual auf der Mitte treffen, um sich auszutauschen. Der UCA
könnte es ähnlich ergehen: Selbst wenn die Gelder fließen, kann sie leicht
scheitern – und zwar an der Politik. In keinem
Land ist diese Gefahr größer als in Afghanistan
selbst.
Die Babur-Gärten in Kabul
– Erinnerung an eine bessere Zeit
2002 wurde das AKDN erstmals auch in Afghanistan aktiv. Ein
Schwerpunkt des 75-Millionen-Dollar-Programms liegt auf Architektur, für die
der Aga Khan ein besonderes Faible hat. „Wir haben den Auftrag, die Welt als
einen besseren Ort zurückzulassen“, sagt der Stifter des weltweit höchst
dotierten Archiktektur-Preises (für islamische Architektur). Diesen Auftrag
versteht er auch im physischen Sinn: „Es bedeutet, Werte in die Umwelt und in
Gebäude zu bringen, die die Lebensqualität für künftige Generationen heben.“
Das AKDN kümmerte sich bisher unter anderem um die Restaurierung des
Altstadtviertels Darb al-Ahmar in Kairo, um die Zitadellen im syrischen Aleppo oder um die
prachtvolle Hafenfront von Sansibar. Stets will es dabei über den Einsatz
traditioneller Handwerksweisen und Materialien auch den spirituellen Kontext
der Bauanlagen neu entdecken. Auf der anderen Seite berücksichtigen die
behutsamen Modernisierungen westliche Umwelterkenntnisse, Stadtplanungs- und
Sozialtheorien. „Der Aga Khan ist das Oberhaupt einer islamischen
Glaubenstradition, aber er arbeitet als Intellektueller. Beide Seiten sind
wichtig für ihn“, sagt der Kulturminister der afghanischen Interimsregierung,
Sayed M. Raheen.
In Kabul
bemüht sich das AKDN um die Res-taurierung der Bagh-e-Babur-Gärten aus dem
16. Jahrhundert und um das gegen Ende des 18. Jahrhunderts erbaute Mausoleum
für Tamerlan. Beide Monumente erinnern an Zentralasiens alte Glorie: Kaiser
Babur (1483–1530) gründete das Mongolenreich und weitete den
Herrschaftsbereich bis nach Delhi aus;
Tamerlan (1336–1405) drang bis nach Syrien vor und wird in Afghanistan als Staatsgründer
unter dem Namen Timur Shah verehrt.
1793 errichtete man ihm ein Mausoleum aus gebrannten Ziegeln und mit
einem achteckigen Ziegelgewölbe von erhabener Schlichtheit, obwohl der
Leichnam Tamerlans in seiner Heimatstadt Samarkand begraben liegt. Das
Mausoleum ist eines der wenigen Denkmäler in Kabul, die den 23-jährigen Bürgerkrieg
einigermaßen glimpflich überstanden. Es wurde als öffentliche Toilette
benutzt, doch nur die Kuppel ist ernsthaft beschädigt.
Für die Reparatur hat das AKDN eine deutsche Spezialfirma engagiert und
hofft wie immer auf einen Lerneffekt für die heimischen Hilfskräfte und
Architekten auf der Baustelle. Tatsächlich aber prallen zwei Welten
aufeinander: „Die arbeiten mit Fuchsschwänzen, mit denen wir in Deutschland
nicht einmal eine Kartoffel durchsägen würden. Wir kommen uns manchmal ziemlich
großkotzig vor, obwohl wir es gar nicht wollen“, sagt ein Polier aus Essen.
Noch krasser erfährt man den Gegensatz, wenn man die wackeligen
Holzleitern erklimmt und vom Turm herunterschaut. Zu den Füßen des Mausoleums
hat sich ein Basar aus Wellblechbaracken und Lastwagencontainern
ausgebreitet. Davor betteln Krüppel mit verstümmelten Beinen und Armen. Und
immer noch verminte Ruinen, so weit das Auge reicht. Kabul, dieser Schutthaufen bei einem großen
internationalen Militärlager, sieht anderthalb Jahre nach dem Sturz der
Taliban kaum besser aus als Berlin Ende 1946. Was macht es für einen Sinn,
ein Mausoleum zu reparieren, wenn die ganze Stadt als ein solches erscheint –
und zwar irreparabel?
„Der Nationalstolz in diesem
Land hat sich auf das
Kämpfen konzentriert. Ein Teil unserer Aufgabe ist es, ihn auf das kulturelle
Erbe zurückzulenken“, sagt Karel Bos vom Historic Cities Support Program des
AKDN. Und Kulturminister Raheen versichert: „Das Wissen um ihre große
historische Tradition gehörte zum täglichen Leben der Afghanen. Sobald sich
die Situation normalisiert, werden sie von ganz allein danach suchen.“ Die
Bundeswehr unterstützte seit 2002 mit ihrem Sonderhilfs-Corps Cimic den
Wiederaufbau von Schulen, Jugendzentren, Kindergärten und Krankenhäusern. Der
erfolgreiche Einsatz des Kontingents wird 2004 voraussichtlich jedoch nicht
verlängert, falls die Bundeswehr ihr Engagement insgesamt reduziert. Das
Auswärtige Amt hat das AKDN seit 2002 mit 515000 Euro für die Restaurierung
der Babur-Gärten unterstützt. Die angedachte Erweiterung der Grabungen
außerhalb von Kabul wird man aus Sorge um die Sicherheit der deutschen
Archäologen vor Ort vermutlich aber nicht finanzieren.
Die Babur-Gärten sehen aus wie ein europäischer Barockgarten, nur
schlichter im Design. Die breiten Blumenterrassen am Südrand Kabuls waren
einst mit Fontänen und Wasserläufen geschmückt. Heute sind die meisten Beete
leer und die Brunnen trocken. Der obere Teil des Parks überdauerte die
Zeitläufte als öffentliches Schwimmbad, denn ein breites Auffangbecken für
Regen und Wasser von den umliegenden Hängen wurde 1930 hinzugebaut, in dem
sich heute die männliche Jugend in bunten Badeshorts vergnügt. Nichts von dem
Ausblick, der sich ihnen von hier auf die Ruinen und die mit klapprigen Vehikeln
verstopften Straßen bietet, erinnert an Baburs geliebte Stadt. In den Augen
des persischen Dichters Sa’ib-i-Tabrizi aus dem 17. Jahrhundert war Kabul mit seinen
zahlreichen Parks, Schreinen und Palästen lieblich genug, um das Paradies
neidisch zu machen. Heute sehen die Kinder nichts als eine formlose braune
Stadtmasse. Was hilft es da, wenn Archäologen die alten Bewässerungsanlagen
Baburs freilegen? Was sollen die guten Worte eines Ministers?
An einem Nachmittag im
Altstadtviertel Ashequan wa Arefan findet sich vielleicht eine Antwort. Das
AKDN renoviert hier – mit 39000 Euro ebenfalls vom Auswärtigen Amt – eine
Moschee, die als Militärlager gedient hatte. Helfer aus der Nachbarschaft
kratzen mit Drähten geduldig die Wände ab, damit unter den zahlreichen
Überstreichungen die alten Stukkaturen wieder zum Vorschein kommen. Einige
haben angefangen, ihre eigenen Häuser auf diese Weise zu renovieren. Auf dem
Hügel über der Moschee hat eine Menschenmenge einen alten Stadtführer
gefunden. Die Kinder betrachten die Fotos. Überraschenderweise erkennen sie
die meisten abgebildeten Denkmäler. Die alten Männer wissen, wo die Monumente
einst lagen oder liegen. Sie deuten mit ausgestreckten Armen in die
Richtungen – „Timur Shah, yes, Babur Shah, yes“ – und kommen ins Erzählen. Ein lebhaftes
Gespräch entspinnt sich zwischen den Alten und Jungen. Am Ende hält einer das
Buch hoch in die Luft, und alle rufen:
„Thank you, thank
you, thank you!“
(c) DIE ZEIT 14.08.2003 Nr.34
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