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"Mein Knast ist kein Hotel "
Ein Besuch im Zelt-Gefängnis vom selbsternannten
"härtesten Sheriff Amerikas"
Erschienen
im BERLINER ZEITUNG MAGAZIN, November 2003

Autogramm für einen Häftling: Arpaio hat Star-Status in Tent City.

Durchgreifer: Sheriff Joe Arpaio.

Früh um sieben werden die weiblichen Mitglieder einer
"Chaingang" angekettet.

In pink unter der Plane: Männliche Insassen von Tent City.
Fotos: Nina Rehfeld
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Der Weg
zum Zeltknast des Sheriff Arpaio führt durch eine angemessen trostlose Gegend
am südlichen Stadtrand von Phoenix: kahle Betriebshöfe, Schrottplätze,
eingezäunte Brachgelände, in deren Stacheldraht sich alte Plastiktüten und
Zeitungen verfangen. Wenige Kilometer, bevor die 27th Avenue an den
Ausläufern der South Mountains endet, kreuzt die Durango Street, und einen
Steinwurf weiter erstreckt sich nach Westen der Estrella Jail Komplex – der
Jugendvollzug, die Untersuchungshaftanstalt und die berüchtigte
Gefängnis-Zeltstadt in der Wüste Arizonas: Tent City.
Hinter
einer doppelten Stahltürschleuse beginnt das betonierte Labyrinth des Frauentrakts.
Eine Wachbeamtin in erdbrauner Uniform führt durch die Gänge zum
Aufenthaltsraum: eine gekachelte Halle mit festgeschraubten Tischen und
Hockern und der Heimeligkeit einer Waschküche. An der Stirnseite der Ausgang
auf den Hof - zu den Zelten, in denen derzeit 1805 Häftlinge ihre Strafe
absitzen, davon 310 Frauen.
Umzingelt
von vier Meter hohen Drahtzäunen lagern die Sträflinge dösend, lesend oder
palavernd auf schmalen Pritschen, 20 oder 40 unter einer Plane. Shampoo,
Bücher und sonstige Habseligkeiten klemmen am Kopfrand leerer Pritschen: Eine
Wohltätigkeitsveranstaltung hat Freiwillige unter den Frauen auf einen
zeltfreien Schotterplatz inmitten der Drahtzäune gelockt, wo eine
Friseurkette zugunsten krebskranker Kinder in Florida Sträflingshaare
schneidet. Gleich hinter dem improvisierten Frisiersalon, einem offenen Zelt,
ragt der Zaun zum Männergelände empor.
Mitten
auf dem Hof steht ein kleiner drahtiger Mann im dunklen Sakko neben einer
Frau in schwarzweiß gestreifter Sträflingskleidung. Seine Krawattennadel ist
eine goldene Pistole. Dies ist der Mann, der all das hier erfunden hat, der
sich selbst als „härtesten Sheriff Amerikas“ bezeichnet und der eine
erstaunliche Popularität in Arizona genießt.
AUTOGRAMME
FÜR DIE HÄFTLINGE
„Brauchst
Du ein Autogramm? Hier, komm her!“ Sheriff Joe zieht einen Stift aus der
Sakko-Innentasche und kritzelt der Frau seine Unterschrift auf eine
Postkarte. Im Schwenkbereich eines Kameramanns, der für eine lokale
TV-Station die Krebskinder-Aktion filmt, mimt Arpaio den Star. Die Gefangene
bedankt sich artig und schlurft in blassroten Plastiklatschen und in pinken
Wollsocken zurück zu ihrem Zelt.
„Wer nach
Hause schreiben will“, sagt Arpaio und deutet mit dem Daumen über die
Schulter nach der Insassin, „der muss das auf so einer Karte tun. Auf jeder
bin ich drauf.“
Die Karte
zeigt ihn mit in die Hüften gestemmten Händen vor einem betroffen
dreinblickenden Hünen in pinken Unterhosen. Auf einem Schild daneben steht:
Tent City heute: harte Arbeit, kurze Haare, 35-Cent-Mahlzeiten,
Bildungsfernsehen, rosa Unterwäsche, 50 Grad im Schatten. Kein Kaffee, keine
Zigaretten, keine Filme, keine Mädchenmagazine. If you don´t wanna do the
time, don´t do the crime - wenn du keine Zeit hier verbringen willst, brich
das Gesetz nicht.
Die Karte
ist kein Witz. Arpaios Häftlinge tragen rosa drunter, seit vor sechs Jahren
ein Versuch aufflog, weiße Gefängnis-Unterwäsche hinauszuschmuggeln. „Warum
pink?“, fragt Arpaio. „Weil sie pink hassen! Warum sollte ich ihnen etwas
geben, das sie mögen?“ Der Sheriff versucht, den Insassen das Leben so schwer
wie möglich zu machen - sie sollen nie wieder hierher wollen.
In Tent
City gibt es nur zwei Mahlzeiten am Tag: pappige Weißbrot-Sandwiches mit
Keksen, einer Pflaume und einem halben Liter Magermilch am Vormittag, Eintopf
und Kartoffeln am Abend. Fernsehen ist auf politische Sendungen und den
Wetterkanal beschränkt, Zigaretten und Kaffee sind verboten. Männer haben
sich täglich glatt zu rasieren die Haare so zu schneiden, dass Ohren und
Kragen frei liegen, für Frauen sind Zöpfe oder Dutts Pflicht. Schimpfwörter,
Flüche und Gossensprache stehen unter Strafe, die Wärter sind mit „Sir“ und
„Ma´am“ anzusprechen. Es gilt, sich im eigenen Zelt aufzuhalten, der
klimatisierte Tagesraum ist auf kürzester Strecke anzusteuern. Wer gegen die
Wachbeamten aufmuckt, wird auf Wasser und „Brot“ gesetzt, ein hinreichend
nahrhaftes Getreidegemisch. Wer die Regeln bricht, riskiert die Bestrafung
seines ganzen Zelt-Kollektivs, gröbere Verstöße wie Rangeleien oder Zigarettenschmuggel
haben den „Lockdown“ zur Folge: 23-stündiger Verschluss täglich mit drei
Mithäftlingen in einer winzigen Zelle. „Ich vermute, Sie servieren Ihren
Strafgefangenen in Deutschland Sardellen-Pizza und Steaks. Nun, mein
Gefängnis ist kein Hotel“, sagt Joe Arpaio. „Sehen Sie das dort?“ Er deutet
auf ein Schild, das über den Zelten und Zäunen in den wolkenlosen Himmel
ragt: „Vacancy“ blinkt dort in roter Neonschrift. Hier sind noch Plätzchen
frei.
„ICH
VERMUTE, SIE SERVIEREN IHREN STRAFGEFANGENEN STEAKS“
Sheriff
Joes Hotel ist denkbar unkomfortabel. In der sengenden Hitze - mit 35 Grad
ist es für einen Spätsommertag heute angenehm kühl - bleibt den Häftlingen
nur, die Zeltwände zur Ventilation aufzurollen, auch wenn es dann stinkt:
Tent City liegt direkt an einer Müllkippe, daher war das Land umsonst. Magere
120 000 Dollar habe der Zeltknast gekostet,
berichtet Arpaio stolz.
Er blickt
besorgt auf: „Ist Ihnen die Sonne zuviel?“ Die Frage ist keine
Gentleman-Manier. Arpaio steht absichtlich mitten auf dem sonnengepeitschten
Schotter zwischen den Zelten, um seinen Gegenüber die Hitze spüren zu lassen.
Er verkauft seinen Knast gern noch härter, als er eh schon ist: „Im Sommer herrschen hier 55 Grad im
Schatten, in den Zelten wahrscheinlich noch mehr.“ Tatsächlich lag die
Rekordtemperatur in diesem Jahr bei 47 Grad Celsius.
Die
Sträflinge selbst finden die Zelte weniger schlimm als die entsetzten
Kritiker außerhalb der Drahtzäune. Sagen sie zumindest in Hörweite der
Beamten. David, 23, ein drahtiger kleiner Hispanier, der für das Gespräch von
einem grimmigen jungen Wachmann handverlesen und auf den Frisierhof geholt
wurde, sagt: „Ich bin gern hier draußen. Hier hat man das Gefühl, freier zu
sein, und man ist an der frischen Luft. Im Sommer ist es schon sehr heiß,
aber als Straßenbauer bin ich die Hitze gewohnt.“ David hat nach
Bewährungsverstoß nach einer Überfall-Verurteilung acht Monate in Tent City
bekommen. Zwei Meter weiter streift Maureen, 36 und wegen Fahrens unter
Marihuana-Einfluss hier, ihr Frisiercape ab. Sie findet: „Alles ist besser
als mit einem halben Dutzend anderer in eine Zelle gesperrt zu sein“. Und
Jamie, 27, die an einem Holztisch im Frisierzelt mit anderen Cracker gegen
Käsescheiben tauscht, sagt: “Ich weiß nicht, ob man Ihnen das erzählt hat,
aber wir haben ja den klimatisierten Tagesraum, und sie versorgen uns mit
kaltem Wasser. Das einzige, was wirklich hart ist, sind die zwei Mahlzeiten
am Tag.“ Auch Jamie ist Bewährungssünderin, nach einer Verurteilung wegen
Autodiebstahls, und sitzt sechs Monate ein.
Es gibt
in Tent City einen überteuerten Gefängnismarkt, in dem die Insassen
Süßigkeiten, Hamburger oder Kosmetika bestellen können. Bis vor kurzem
mussten sie dazu allerdings erstmal dreißig Dollar an den Knast bezahlen –
seit 1998 stellte Arpaio den Häftlingen ihren Aufenthalt mit einem Dollar pro
Tag in Rechnung. „Müssen Sie etwa nicht für Essen und Wohnen bezahlen?“,
fragt er. „Na bitte. Warum sollten die Häftlinge das von den Steuerzahlern
geschenkt bekommen?“
ARZTBESUCH:
ZEHN DOLLAR
Doch vor
einem Monat musste er seine A-Dollar-A Day-Politik stoppen. „Ist ja auch
unfair“, sagt Arpaio nüchtern, „wo uns die Mahlzeiten bloß 40 Cent am Tag
kosten. Es ist schon Abzocke, die 60 Cent Profit zu kassieren.“ Dafür hat er
freilich gleich eine andere Maßnahme verschärft: selbst beantragte
Arztbesuche kosten jetzt zehn Dollar statt vorher drei.
Mehrfach
klagten Häftlinge gegen Arpaio, weil sie sich in Tent City ihrer Rechte
beraubt sahen. Einige Klagen sind bis vor das Oberste Bundesgericht gelangt.
„Als ich ihnen die Pornomagazine wegnahm“, sagt Arpaio, „sind sie bis ganz
nach oben gegangen – ich gewann. Als ich ihnen den Kaffee strich, sind sie
vor Gericht gezogen – ich gewann.“ Das FBI, der Bundesgerichtshof und Amnesty
International haben Untersuchungen in den Gefängnissen von Joe Arpaio
geführt, gestoppt hat ihn bisher niemand.
„Won that
case“, sagt Arpaio, als würde er einen Hammer schwingen. Es klingt wie der
selbstverständliche Triumph des Helden aus einem alten Western, in dem die
Rigorosität von Recht und Gesetz eine Siedler-Gesellschaft im Entstehen
spiegelt. Aber Phoenix im einstigen Pistolero-Herzland der südwestlichen USA
ist beinahe 140 Jahre alt. Und Joseph M. Arpaio stammt ursprünglich aus
Neuengland. Er spricht mit schwerem New Yorker Akzent und ist erst in zweiter
Generation Amerikaner – der Sohn italienischer Einwanderer, „legaler
Immigranten“, wie er betont. Seine Mutter starb bei der Geburt, der Vater
führte ein italienisches Lebensmittelgeschäft, und der kleine Joseph wollte schon
als Knirps Polizist werden.
Nach dem
High-School-Abschluss meldete er sich zur Armee und begann danach eine
Karriere als Drogencop in Washington und Chicago. Später führte er verdeckte
Operationen in der Türkei und in Mexiko. Nach 27 Jahren bei der US-Drogenbehörde
DEA quittierte er 1982 den Dienst und stieg im Reisebüro seiner Frau ein.
1992 zog es ihn zurück zur Strafverfolgung: Er ließ sich zum Sheriff wählen.
Derzeit läuft seine dritte Amtsperiode, die Wiederwahl steht im kommenden
September an.
Der
markige kleine Italo-Amerikaner ist nicht das sadistische Monster, als das
die Medien ihn gern sehen, kein moderner John Wayne, der er wohl selbst gern
wäre. Er ist bloß ein etwas verschrobener älterer Herr, der sich mit
lapidarem Pragmatismus vor der Komplexität des Lebens schützt. Einer, der
seinen Job verdammt wörtlich nimmt: law enforcement, der kernige
amerikanische Ausdruck für Strafverfolgung.
„ICH HABE
KEINEN BOSS“
Wie ein
kleiner König regiert Arpaio den Bezirk Maricopa, mit 3,2 Millionen Einwohnern
nach Los Angeles und Chicagos Cook County der drittgrößte Sheriffsbezirk in
den USA. „Ich bin niemandem verantwortlich“, sagt er mit Nachdruck, „keinem
Gouverneur, keinem Politiker. Kennen Sie das Lied von Frank Sinatra? I Did It
My Way. Mein Lieblingslied. Ich habe keinen Boss. Ich mache die Dinge, wie
ich es will, und wenn das den Leuten in meinem Bezirk nicht mehr gefällt, bin
ich eben weg vom Fenster.“ Den Leuten gefällt es. Bis zu 80 Prozent
Zustimmung kann Arpaio unter seinen Wählern verzeichnen, weil er das Problem
der Kriminalität auf ein überschaubares System von Verstoß und Vergeltung
reduziert. Sheriff Joe vermittelt den Eindruck, als sei er Herr der Lage.
Dabei hat er das Problem nur aus dem Blickfeld verwaltet.
In Tent
City sitzen nichtgewalttätige „Bagatelltäter“, die zu unter einem Jahr Haft
verurteilt sind. Dank einer inhaftierungswütigen Gesetzgebung ächzt das
konservative Arizona unter einer Gefängnisinsassen-Zuwachsrate, die das
Siebenfache des Bevölkerungswachstums beträgt. „Drogenabhängige, betrunkene
Autofahrer, Bewährungssünder verstopfen unsere Gefängnisse“, klagt die
Tageszeitung „Arizona Republic“ und zitiert den Justizprofessor John Hepburn:
„Wir sperren immer mehr Leute immer länger ein, bei immer weniger
Rehabilitationsangeboten.“
Zwar gibt
es in den Zelten ein erfolgreiches Drogenprogramm namens Alpha, es gibt eine
gefängnisinterne High School, an der Häftlinge ihren Schulabschluss nachholen
können. Es gibt Eltern-Lehrgänge und Vorlese-Aktionen, in denen Insassen
Geschichten auf Kassette lesen und zu ihren Kindern heim schicken. Aber nach
Ende der Haft werden sie einfach auf die Straße gespuckt.
Jamie
sagt: „Hier drin fühlen sich viele fast sicher, weil sie nicht mehr raus auf
die Straße müssen, um Drogen zu organisieren und so. Und wenn man dann
heimgehen kann, haben manche fast Angst davor.“
Sheriff
Joe ist das egal. Er betont gern, dass in seinen Gefängnissen 3500 mehr
Menschen sitzen, als Platz haben. „Wenn mir jemand vorwirft, dass nirgends
die Gefängnisse so voll sind, wie bei uns, antworte ich: Weil ihr die Leute
nicht schnappt! Ich mache hier nur meinen Job“, sagt er. „Und ich mache ihn
gut.“
Im
vergangenen Jahr zählte Arpaio zu den aussichtsreichsten Kandidaten für die
Gouverneurswahl. Doch er trat nicht an. „Ich bin Kämpfer an der vordersten
Front“, sagt er. „Hier gehöre ich hin, und hier bleibe ich.“ Im Juni ist der
taffe Sheriff 71 geworden.
© Nina Rehfeld
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