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Das Wenige wird geringer
Wie sich die internationale Finanzkrise auf den
Kultursektor in Deutschland auswirken wird
Erschienen Oktober 2008 in Artnet Magazin
Text: Henrike Thomsen
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Als Peter Raue im Juli zu einer Wohltätigkeitsauktion zugunsten
des Ausstellungsprojekts „Rohkunstbau“ schritt, dürfte sich der findige
Kunstförderer für sein Publikum geschämt haben. Zwar waren viele
Interessenten in die Potsdamer Villa Kellermann gekommen, um in der noblen Nachbarschaft
von Wolfgang Joop und Günther Jauch um Werke von Norbert Bisky, Thomas Florschuetz,
Via Lewandowsky und anderen
zu bieten, doch man zeigte sich knauserig. Die immerhin wohletablierten
Künstler erreichten Preise nur knapp über den moderaten Schätzwerten (6.000
Euro für ein eigens angefertigtes kleinformatiges Gemälde von Bisky, 1.450
Euro für einen 90 x 60 cm Print von Florschuetz, 2.800 Euro für ein 50 x 50
cm Gemälde von Lewandowsky), während sich für die weniger bekannten Namen wie
Maria
Chevska und Melanie Manchot
kaum noch Hände hoben. Raue, der als langjähriger Vorsitzender der Freunde der
Berliner Nationalgalerie schon viel größere Auktionen geleitet hat, konnte sein Entsetzen kaum
verbergen. Waren die berlin-brandenburgischen Neureichen zu provinziell für
Gegenwartskunst? Hatten die seit Monaten anhaltenden Nachrichten von der
US-Immobilienkrise und die jüngsten Warnungen für die deutsche Konjunktur dem
Publikum die Portemonnaies verschlossen?
Drei Monate später lässt sich inmitten der
galoppierenden Finanzkrise der USA und ihren immer größeren Auswirkungen
auf Europa noch nicht sagen, welche Folgen sie auf die privatwirtschaftliche
Kunstförderung haben wird. Spenden, Sponsorig-Etats und sogar Stiftungsgelder
sind zweifellos in Gefahr. Doch es zeigt sich auch eine „Jetzt erst
recht“-Gegenlogik. So wie ein „Hedge-Fond“, der auf fallende Kurse setzt, in
diesen Zeiten schöne materielle Gewinne einfährt, so kann ein Unternehmen,
das trotz der Turbulenzen seine Kulturförderung pflegt, einen nachhaltigen
Imagegewinn abschöpfen.
Zum Beispiel die Deutsche Bank. Als deren Vorstandschef
Josef
Ackermann zusammen mit
dem Frankfurter Museumskönig Max Hollein letzte Woche vor die Presse trat, um die Dauerleihgabe
von 600 Werken aus der Deutschen Bank-Sammlung an Holleins Städel Museum bekannt zu geben, war der Deal natürlich
lange geplant. Aber das ohnehin rare Beispiel einer „Public Private
Partnership“ nach amerikanischem Vorbild steht in stürmischen
Wirtschaftszeiten noch besser da. Ein souveräneres Signal seiner zumindest
äußerlichen Unerschütterlichkeit hätte das Kreditinstitut kaum setzen können.
Dass das traditionsreiche, hochrenommierte Städel Museum
dafür die ideale Bühne abgab, kann man durchaus als Geschäft auf
Gegenseitigkeit verstehen. Materielle werden hier gegen
psycholgisch-emotionale Assets getauscht – vielleicht auch deshalb, weil im
Moment nur noch letztere einigermaßen steigende Kurse vorweisen können.
Dennoch sind die Prognosen für die nächste Zukunft der
privatwirtschaftlichen Kunstförderung in Deutschland insgesamt eher negativ
und das nicht nur, weil auch für hiesige Institutionen internationale Gönner
wegfallen, weil sie unvermutet pleite gegangen oder zur Fusion gezwungen
sind. Die untergegangene New Yorker Investmentbank Lehman Brothers etwa hatte
auch das Städel
Museum gefördert.
Generell waren Investmentbanker als Sponsoren besonders aktiv. Zwar ist die
deutsche Förderlandschaft kleinteiliger und kurzfristiger als das tradierte
US-Mäzenatentum aufgestellt. Doch auch diese Dezentralität ist nicht in jedem
Fall sicherer, sondern kann auf ganz eigene Weise zum Nachteil gereichen.
So besteht die Kulturförderung in Deutschland
weitgehend aus kurzfristigen Spenden und Sponsoring. Von zirka 525 Millionen
Euro, die laut einer Emnid-Studie bisher jährlich für private Kulturförderung
ausgegeben wurden, waren nur 125 Millionen Stiftungsgelder, die unantastbar
regelmäßig fließen müssen (so lange die Stiftung der Krise trotzt und über
ihr Vermögen verfügen kann). Der Löwenanteil setzte sich aus Spenden (50
Millionen Euro) und Kultursponsoring (350 Millionen Euro) zusammen. Im
Vergleich zu den öffentlichen Geldern ist der Betrag insgesamt verschwindend
gering: Den 525 Millionen Euro aus privater Hand standen laut dem
Arbeitskreis Kultursponsoring beim Bund der Deutschen Industrie (BDI) zirka 8
Milliarden aus öffentlicher Kulturfinanzierung gegenüber. Rund 94 Prozent des
deutschen Kultur- und Geisteslebens werden immer noch vom Staat bezahlt.
Der Stiftungsboom, den es seit der Erneuerung des
Stiftungsrechts in den letzten Jahren in Deutschland gab, hat für die
Kulturförderung überraschend wenig gebracht. Viele Unternehmen sind trotz der
steuerlichen Anreize und Verschlankungen der Bürokratie eher zum Sponsoring
über gegangen. „Einige große Unternehmen, mit denen zum Beispiel die Kommune
München zuvor wunderbar kooperieren konnte, haben umgesteuert. Kleinere
Unternehmen haben nachgezogen“, berichtet der frühere Bundesminister für
Kultur, Julian Nida-Rümelin, der die Stiftungsrechtsnovelle begleitet hat. Er hält
das für eine Fehlentwicklung: Es gehe den Unternehmen zunehmend um das eigene
Profil und weniger um die Rolle des „Corporate Citizen“ wie in den USA.
Dennoch entstehe aus dem Profilierungswunsch eine eigene Dynamik, gibt
Nida-Rümelin, ganz dialektisch geschulter Philosoph, zu bedenken. Gerade in
der Wirtschaftskrise seien die Unternehmen unter Druck, dem Staat nicht
allein das öffentliche Feld zu überlassen und durch
Verantwortungsdemonstrationen ihre Managergehälter zu legitimieren. „So
paradox es klingt, könnte sich das Mäzenatentum trotz der aktuellen Krise gut
entwickeln“, wagt Nida-Rümelin zu prognostizieren. Ähnlich sieht es auch Peter Raue, der zu berichten weiß, dass für
Renommier-Projekte wie die aktuelle Berliner Ausstellungsreihe „Kult des
Künstlers“ noch kein Sponsor von der Fahne gegangen sei.
Doch Kenner wie Max Hollein rechnen fest damit, dass
die Sponsoring-Etats schrumpfen werden. „Die Spendenbereitschaft ist in der
aktuellen Lage extrem gering ausgeprägt", heißt es auch beim
BDI-Arbeitskreis Kultursponsoring. Stichproben bei europäischen Banken
stützen dies. Die schweizerische UBS überprüft derzeit alle Projekte, die
nicht in das Ermessen regionaler Filialen fallen, wie etwa die Unterstützung
des Filmfestivals Locarno
im Tessin. Das sei bloße Routine, heißt es bei dem Weltmarktführer im Bereich
Vermögensvermittlung, doch natürlich spiele die momentane Lage eine Rolle.
Die UBS hat in den ersten beiden Quartalen 2008 rund 7,6 Milliarden Euro
Verluste ausweisen müssen und zuletzt angekündigt, im Investmentbereich
weitere 2.000 Stellen zu streichen. Bestehende Sponsoringverträge seien nicht
gefährdet, heißt es dennoch. Angeblich seien auch künftig Imageprojekte wie
die Kunstmesse Art Basel, die die UBS kontinuierlich bedacht hat, nicht in
Frage gestellt. Die vorsichtige Stimmung ist aber überall spürbar, und zeigt
sich auch bei der deutschen KfW Bankengruppe. Man werde langfristige
Partnerschaften wie mit dem Museum für Moderne
Kunst in Frankfurt oder dem Rheingau-Musikfestival nicht infrage
stellen, suche aber auch nicht nach neuen Partnern. Selbst die Deutsche Bank
wird wohl bei den kurzfristigen Mitteln sparen, die bisher unabhängig von den
großen strategischen Projekten beantragt werden konnten.
Max Hollein prophezeit vor diesem Hintergrund einen
härteren Wettbewerb um die verbleibenden Gelder, den nur jene gewinnen
könnten, die ihr Profil am besten zu schärfen verstünden. „Die kulturellen
Institutionen müssen noch klarer kommunizieren, worin ihre Gegenleistung für
das Unternehmen liegt", sagt er. Doch es ist absehbar, dass kleinere
Projekte abseits der Hochkultur dabei ins Hintertreffen geraten, weil ihr
psychologisch-emotionaler Wechselkurs geringer ist. Für das Kleine und
Unspektakuläre sind Stiftungen von je her die besseren Ansprechpartner
gewesen. Doch auch die neue Stiftungslandschaft erweist sich bei genauerer
Betrachtung als weniger effektiv als erhofft. Zwar hat sich die Zahl der
selbstständigen Stiftungen seit 2001 verdoppelt, doch dreiviertel sind mit
geringem Kapitalvermögen unter einer Million Euro ausgestattet. Ihre jährliche
Rendite – und nur diese kann man für Projekte ausgegeben werden – ist
minimal. Bedenkt man, dass von diesen Geldern nur 15 Prozent für kulturelle
Zwecke aufgewandt werden, die zumeist auf lokaler oder regionaler Ebene
angesiedelt sind, ist unschwer vorherzusehen, welche Folgen geringere
Kapitalrenditen haben werden – das Wenige wird noch geringer.
Erschwerend kommt hinzu, dass die deutschen Stiftungen
ohnehin schon schlechte Renditen erzielen – im Durchschnitt 4,4 Prozent
– und sich damit jährlich um bis zu 200 potenzielle Fördermillionen bringen.
Der Grund dafür ist die konservative Anlagepolitik in festverzinslichen
Wertpapieren, häufig beim Staat, aber auch in sicher geltenden Fonds mit
Unternehmenspapieren. Doch selbst in der aktuellen Krise ist diese Anlagepolitik
nur beschränkt von Vorteil. Zwar ist ein finanzielles Risiko wie bei der
amerikanischen Starr Foundation, die Millionen Aktien an einem einzigen
Unternehmen hielt, in den breit aufgestellten deutschen Stiftungsportfolios
kaum möglich. Die aktuelle Finanzlandschaft lässt es jedoch nahezu
ausgeschlossen erscheinen, dass die Stiftungen im nächsten Jahr große
Ausschüttungen vornehmen werden.
Eine Stiftung wie die der Freunde
der Berliner Nationalgalerie, die nicht zuletzt dank der Gewinne aus der
überaus erfolgreichen „MoMa“-Ausstellung großzügig Ankäufe für den Hamburger Bahnhof fördern kann, bleibt eine leuchtende
Ausnahme. Dagegen wächst die Gefahr, dass sich kleinere Stiftungs-Projekte
verrechnen. Zum Beispiel das Festival „Rohkunstbau“. Selbst wenn man im Juli
alle Werke gut verkauft hätte, wären weniger als 50.000 Euro heraus gekommen,
viel zu ineffektiv für die geplante Gründung einer Stiftung. Und auch die
Hoffnung, dass man sich als Stiftung leichter tut, Spenden und Zustiftungen
von anderen zu erhalten, ist Illusion. Die schnöde Unlust der Geber bei der
Benefiz-Auktion in der Villa Kellermann hat es also doch schon ahnen lassen:
Der Kampf um Spenden und Fördergelder wird auch in Deutschland rauer.
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