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Der Blender
Wie der Lichtkünstler Gert Hof mit einer
aufgebauschten und teilweise gefälschten Biografie als Stasi-Opfer und Dissident
Karriere machte
Erschienen Mai 2005 in der ZEIT
Text:
Henrike Thomsen und Peter Disch
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Gert Hof ist ein Mann der Superlative, und er zündelt gern. Zum Beispiel
bei der Millenniums-Feier in Athen. Mikis Theodorakis ließ auf der Akropolis
einen Chor von mehr als tausend Sängern erschallen. Hof besorgte für 1,9 Millionen Zuschauer
vor Ort und eine halbe Milliarde am Fernseher ein monumentales Feuerwerk. Die
Akropolis tauchte er in gleißend blaues, weißes und rotes Licht. Starke
Scheinwerfer flackerten in der Nacht wie Mündungsfeuer. Dutzende von
symmetrischen Achsen formten sich über den Säulenreihen. Wie eine Maschine
folgte das präzis choreografierte Feuerwerk der kalten Farben Theodorakis’
Musik. Jubelnde Streicher, schmetternde Bläser, ekstatische Chöre: ein Sound
so wuchtig wabernd wie der Rauch von Hofs Feuerwerk und sein geliebter
künstlicher Nebel.
Gert Hof ist einer der international erfolgreichsten Lichtdesigner. Zu
seinen Kunden zählen die Volksrepublik China,
die Europäische Kommission, die Expo 2000, der Musikkonzern Universal und das
Washington Holocaust Museum.
Als Regisseur konzipierte er die Shows der erfolgreichsten deutschen Rockband
Rammstein, bei denen ihr Sänger Till Lindemann effektvoll in Flammen aufging.
Praktisch alle großen Medien haben ausführlich über Hof berichtet. Er inszeniert sich als
düsterer Schmerzensmann und manisches Genie; einer, der mit einem
Gesamtkunstwerk hoch hinaus will über das Mittelmaß. Die passende
Lebensgeschichte dazu hat er parat. Sie handelt davon, wie die Stasi 1967
beim damals 16-jährigen Gert Hof eingefallen sei und ihn wegen einiger
Pop-Singles und Freiheitsgedichte festgenommen habe. In der Stasi-Haft, sagt
der heute 54-Jährige regelmäßig in Interviews, habe ihm ein Wachmann das
rechte Auge ausgeschlagen. Seither brenne er vor Wut. So rechtfertigt Hof die Tabubrüche
seiner Ästhetik, die Kritiker an Speer und Riefenstahl erinnern. Aber die
Geschichte ist maßlos übertrieben und zum Teil frei erfunden.
1. Auf dem rechten Auge blind
Hof ist ein unscheinbarer Mann. Untersetzt.
Kahlköpfig. Große Brille. Mit diesem starren, milchig eingetrübten Auge
hinter dem rechten Glas. Aber er kann erzählen. »Wie Sie vielleicht wissen,
saß ich in der DDR anderthalb Jahre in Haft, und die Stasi hat mir ein Auge
ausgeschlagen. Das alles wegen zwei Rolling-Stones-Platten, weil Tante Marga
aus Hamburg The Last Time und Satisfaction geschickt
hatte.« Er habe auch ein paar Gedichte geschrieben, in denen es Anspielungen
auf die Beat-Lyrik gegeben habe. In einem preisgekrönten Porträt der Berliner Zeitung schilderte er
sein Martyrium im Gefängnis weiter: »Als ich [nach längerer Dunkelhaft, Anm.
der Red.] rauskam, blendete die Helligkeit, dass es schmerzte. Ich riss die
Arme hoch, um die Augen zu schützen, da schlug ein Wachmann mit seinem
Knüppel zu.« Auf einem OP-Tisch sei er wieder zu sich gekommen, auf dem
rechten Auge blind. Stasi und Justiz hätten drohend geraten, über den Vorfall
zu schweigen. »Jeden Morgen beim Rasieren sehe ich das Auge«, sagt Gert Hof.
»Jedes Mal, wenn ich mir ein bisschen unter die Haut schneide, sitzt da
dieser Schmerz. Ich weiß ja nicht, was in Bautzen in mir verloren ging. Vielleicht
wäre ich ohne diese Erfahrung hinterm Postschalter gelandet oder Banker
geworden.« Aber was ist damals wirklich passiert?
Taucha ist eine deutsche Kleinstadt wie aus dem Bilderbuch. Schmucke
Altstadt mit Kopfsteinpflaster, Schloss, Rathaus und Heimatmuseum. An der
Hauptstraße in Richtung Leipzig stehen viele Häuser leer. Eingeschlagene
Fenster, verblichene Schilder längst aufgegebener HO-Gaststätten,
Mietskasernen. In einem dieser grauen Wohnblöcke wurde Hof groß in einer Zeit, als die DDR ihre
Gangart gegenüber Jugendlichen verschärfte. Seit 1965 war die Angst des
Staates vor der »Verherrlichung der westlichen Lebensverhältnisse« so groß,
dass das Hören von »Beatmusik«, die »Einschleusung westlicher
Literaturerzeugnisse« und selbst das Tragen von Jeans zum staatsfeindlichen
Akt wurden. Als Folge der Westinfiltration witterte man überall »Gruppierungen,
die selbstgefertigte Hetzschriften verbreiten, andere Jugendliche ideologisch
beeinflussen«. Stasi-Chef Erich Mielke forderte: »Bei Beginn von
Zusammenrottungen muss eingeschritten werden, und die Organisatoren und
Rädelsführer müssen festgestellt und zur Übergabe an die Gerichte bzw. zur
Einleitung von Arbeitserziehung festgenommen werden.«
In dieses Klima fiel die
Verhaftung von Gert Hof
im September 1967. »Der Gert hat einen Haufen Schallplatten gehabt«, erinnert
sich Karlheinz Boesler, der damals zu seiner Clique gehörte. »Er hatte immer
sein Kofferradio mit.« Hof
schrieb auch Texte und unterlegte sie mit Musik. Boesler erinnert sich an
Titel wie Will frei sein wie ein Vogel oder Der Wind der Welt . Die Clique
traf sich im Jugendclub, vor dem Kino, im Wartehäuschen der Tram, in Parks –
ein Dutzend Unzufriedener, die gegen die Regierung schimpften, immer lauter,
selbst beim Schwof in der Stadthalle. In die Kritik an den Verhältnissen
mischten sich auch rechtsradikale Töne. Man sang schon mal Nazilieder oder
zeigte den Hitlergruß, erinnert sich Boesler. Der Anführer der Gruppe, zehn
Jahre älter und wegen Diebstahls vorbestraft, gab den Ton an. »In Leipzig,
als wir zum Tanzen waren, da ist er ans Mikrofon und hat gesagt: ›Wollt ihr
den totalen Beat?‹ Da haben die Massen getobt«, sagt Boesler.
Die Stasi, die die Gruppe beobachtete, sollte solche Parolen als einen
wesentlichen Grund für die Anklage wegen »staatsgefährdender Propaganda und
Hetze« nutzen. Im Frühjahr 1968 kam es zum Prozess. Der 16-jährige Hof erhielt 18 Monate,
der 18-jährige Boesler zwei Jahre. Nach der Wende erwirkte der
frühpensionierte Bauarbeiter, der heute in Bayern lebt, ein
Rehabilitierungsurteil. Die jungen Leute seien »in ihrer Ablehnung des
Kommunismus und Sozialismus auch auf die extreme rechte Seite der Politik«
geraten und »plapperten ohne genaueres darüber zu wissen, einiges aus dem
Wortschatz der Nationalsozialisten nach«, heißt es darin.
Der exemplarische Vollzug der neuen Jugendpolitik traf die Clique mit
voller Härte. Aber ein Schicksal, wie es Boesler und viele andere in der DDR
für ihren ungelenken Protest gleichfalls erlitten, reichte Hof nicht aus. Dazu passt, dass er die
rechten Parolen der Gruppe heute verschweigt und dass er die anderthalb Jahre
seiner Strafe in Bautzen verbüßt haben will, dem berüchtigtsten
DDR-Gefängnis, in dem unter anderem der renommierte Schriftsteller Erich
Loest für angebliche »konterrevolutionäre Gruppenbildung« einsaß.
Dokumentiert ist dagegen nur, dass Hof nach einem halben Jahr Untersuchungshaft
bei der Stasi in Leipzig die restlichen zwölf Monate in einem Jugendgefängnis
in Thüringen absaß, wie die Zentrale Haftkartei des Innenministeriums der DDR
belegt.
Vor allem aber ist da die Sache mit dem Auge. Seinem Arbeitgeber Werner
Hecht vom Brecht-Zentrum der DDR erzählte Hof Mitte der siebziger Jahre eine
ganz andere Version: Er habe das Auge 1957 durch einen Unfall verloren, und
zwar durch einen Ballwurf. Auch in einem handschriftlichen Lebenslauf, 1968
in der Haft verfasst, führte er aus: Er habe in seiner frühen Kindheit einen
»Augenunfall« gehabt, sei rechts erblindet und seither Brillenträger. Dass es
sich dabei nicht um eine von der Stasi befohlene Tarngeschichte handelt,
bestätigen Jugendfreunde wie Boesler: Hof
hatte nach ihrer Erinnerung bereits als Kind einen Sehfehler. Fotos zeigen
einen dicklichen Jungen mit Hornbrille. Auf einem Faschingsbild, Hof mit Cowboyhut und
Pistole, ist der milchige Streifen auf der rechten Pupille deutlich zu sehen.
Es ist der gleiche Streifen, den man heute erkennt, wenn er über seine
Vergangenheit erzählt ohne zu blinzeln.
2. »Ich war der Terrorist«
Die Chausseestraße in Berlin-Mitte: Eckkneipen und Weinbars, Bioläden und
Kiezkioske. Touristen pilgern zu den Gräbern von Bertolt Brecht und Heiner
Müller auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, Einheimische steuern morgens um
zehn auf das erste Glas zu. Hier liegt das Büro der G. Hof Productions, eine
international vernetzte Veranstaltungsfirma für Feuerwerk und Bühnenshows,
Musikvideos, Installationen und Ausstellungen. Hof ist ein gemachter Mann, der privat mit
seiner Familie in Wandlitz lebt, dem idyllischen alten Kurort und Wohnsitz
der DDR-Politprominenz. Doch die Vergangenheit ist nicht fern.
Wenige hundert Meter nördlich von Hofs Büro auf der Chausseestraße liegt
das Brecht-Zentrum, das Werner Hecht aufbaute. Der Herausgeber der großen
Brecht-Werkausgabe bei Suhrkamp erinnert sich gut an seinen ehemaligen
Zögling Gert Hof. »Der kam 1976 auf mich zu,
da war er in Leipzig
als Bibliothekar tätig, war aber eigentlich Chemiefacharbeiter. Jemand hatte
entdeckt, dass er viel liest, und gemeint: ›Du machst in unserer Fabrik die
Bibliothek.‹ Ich nahm ihn auf, weil ich im Begriff war, das Brecht-Zentrum zu
gründen. Ich dachte, der kann mal den Stab übernehmen. Ich habe viel auf ihn
gehalten, auch viel in ihn investiert.«
Unverhofftes Glück für einen, der doppelt behindert war durch das Auge
und seine Haftstrafe, die er nach Hechts Erinnerung damals nie erwähnte.
Zunächst erfüllte Hof
die in ihn gesetzten Erwartungen. Der gelernte Chemielaborant, der nach den
Akten des Brecht-Zentrums seit 1969 in verschiedenen Leipziger Betrieben
gearbeitet hatte und sich von 1974 an per Fernstudium zum Bibliothekar
fortbildete, kompilierte jetzt Inszenierungsdokumentationen und hielt
Vorträge. Doch mit Beginn der Achtziger wurde er aus Hechts Sicht
unzuverlässig. »Er kam nicht zur Arbeit oder ging ohne Begründung zeitiger
weg.« 1982 habe er ohne Erlaubnis für Alexander Lang am Deutschen Theater
gearbeitet. »Da kam er dann fast überhaupt nicht mehr. Es war klar, dass ich
ihn entlassen musste.«
Hof leistete sich vielleicht
Unregelmäßigkeiten, aber er wurde nicht wieder aufmüpfig. Im Gegenteil: Hecht
erinnert sich, dass Hof noch in Leipzig für die
Aufnahme in die SED kandidierte und einen Literaturclub der FDJ leitete. Von
1976 an war er laut Personalkarte des Brecht-Zentrums Mitglied der
Staatspartei und wurde später zum Vorsitzenden der
Betriebsgewerkschaftsgruppe gewählt. Ein Beitrag, den er als dramaturgischer
Mitarbeiter für Alexander Lang zu Die Rundköpfe und die
Spitzköpfe verfasste, referiert brav über den
»Aufstand der unzufriedenen Massen« und die »Zeit des antifaschistischen
Kampfes«.
Später jedoch hat Hof seine Vita ganz auf Dissidententum
getrimmt und sich zum Ausnahmeintellektuellen und Kultregisseur stilisiert.
Nach seiner Haftentlassung, so erzählt er in Interviews, habe er in Leipzig studiert:
zunächst »Antike Philosophie«, denn »das war eines der wenigen Fächer, in
denen man mit dem SED-Überbau nichts zu tun haben musste«. Nach zwei Jahren
sei das Fach eingestellt worden und er an die Theaterhochschule Hans Otto
gewechselt, zu Theaterwissenschaft und Regie. Gleich mit seinen ersten
Inszenierungen habe er größtes Aufsehen erregt. Zum Beispiel mit der
DDR-Erstaufführung von Heiner Müllers Philoktet: »Ich ließ die
Schauspieler in Trenchcoats wie bei der Staatssicherheit herumlaufen.« Dazu
habe er ihnen Glühbirnen in die Hand gegeben, »die ungeheuer große
Schlagschatten machten, fast acht Meter hoch«. Das Stück sei nach drei
Aufführungen abgesetzt und verboten worden. »Aber es wurde legendär.« Oder
Schillers Wilhelm Tell am Theater
Leipzig, eine Produktion, bei der er einfach die Titelrolle gestrichen habe.
Dem Leipziger Intendanten, einem der mächtigsten in der DDR, sei bei der
Generalprobe »das Essen aus dem Gesicht« gefallen, so Hof in der Süddeutschen Zeitung. »Für mich war Theater ein Instrument, um gegen das Land
zu kämpfen. Ich war der Terrorist.«
Seltsam nur, dass sich niemand sonst daran erinnert und sich in den
Archiven nichts darüber findet. An der Karl-Marx-Universität gab es damals
gar kein Spezialfach »Antike Philosophie«. Bis 1969, so Professor
Klaus-Dieter Eichler, der bis 2001 in Leipzig lehrte, bot die Uni einen
Gesamtstudiengang Marxistische Philosophie an. Von 1971 an kam eine
fünfjährige Ausbildung in Geschichte der Philosophie dazu, inklusive Platon
und Aristoteles. Einen separaten Studiengang zur Antike gab es jedoch laut
Eichler »definitiv nicht«.
Auch in den Akten der
Hans-Otto-Schule findet sich nichts, obwohl man über jeden Studenten Buch
führte, und nichts in den Archiven der Oper Leipzig, die über die
vollständigen Unterlagen der Städtischen Theater aus den Siebzigern verfügt. Weder
von Wilhelm Tell noch von
anderen Inszenierungen, die Hof
für sich reklamiert, findet sich eine Spur. (Später in Berlin hat er sich ebenfalls Aufführungen
und Auszeichnungen fälschlich im Lebenslauf zugeschrieben.) »Der Tell ohne Tell würde mir bestimmt
durch den Kopf gehen, schließlich war das Städtische Theater sonst so
muffig«, sagt der Kritiker Michael Hametner, der seit 1975 die Leipziger
Szene kennt. Auch Karl Georg Kayser entsinnt sich nicht. »Das würde ich auch
nicht vergessen haben, ein Wilhelm Tell in diesem
Zeitraum«, sagt der Sohn des damaligen Leipziger Generalintendanten, der bis
1972 selbst an der Hans-Otto-Schule studierte und in Leipzig 1976 als
Regisseur debütierte. Die DDR-Erstaufführung von Philoktet stammt unterdessen von Annegret
Hahn, heute Intendantin des Thalia Theaters Halle, die von Hof noch nie etwas
gehört hat.
Kein mutiger Regimekritiker, kein
maßgeblicher Regisseur: Am Ende war Hof
weder für den Staat noch für die Kunst der DDR wichtig. Ein Mitläufer
vielmehr, einer mit Parteibuch, der erst, als der Wind der Perestrojka wehte,
in der DDR-Rockszene hervortrat und 1986 das unbequeme Musical Paule Panke für die Band Pankow inszenierte.
Pankow hatte die kritische Parabel über die Langeweile in der DDR und »die
alten Männer / zu lange verehrt« freilich bereits seit 1981 gespielt. Als der
Stoff für das Theater aufbereitet werden sollte, stieß Hof dazu. »Der schlich sich so ein und
bekundete sein Interesse«, erinnert sich der Sänger und Hauptdarsteller André
Herzberg. »Er kam und hat seine Scherze gemacht. Er war nicht so politisch.«
3. Die größte Waffe ist die Wahrheit
»Gert Hof / … / Ein Spagat der
Extreme / Das Größte immer zu klein / … / Übertreibung eine Tugend…/ So sagt
man, er würde die Dinge ins Rechte Licht setzen / Einen Speer in die
Nachtwolken werfen«, heißt es in einem Gedicht von Till Lindemann, dem Sänger
von Rammstein. Die Zusammenarbeit mit der Band seit den späten Neunzigern gab
der Ästhetik von Hof
zuletzt doch eine politische Note. Rammstein wurde wegen der
Herrenmenschenposen und der vieldeutigen Anspielungen bekannt, die Lindemann
mit rollendem r vorträgt. Hof
konzipierte die monumental-mystischen Bühnenshows, die das Image der Band
prägten, ebenso das Video Stripped mit Zitaten aus
Riefenstahls Olympia- Filmen.
Seither boomt auch die Karriere als Lichtregisseur für Jubiläen, Galas
und kommerzielle Events; Anfang Mai brannte er das große Feuerwerk zur
1200-Jahr-Feier von Magdeburg ab. Zu solchen
offiziellen Anlässen gibt sich Hof
stets politisch korrekt. Sogar für die Gedenkstätte von Auschwitz plante er
eine große Installation: eine Serie meterhoher Kinderporträts, die am Weg zum
Krematorium stehen und langsam in Flammen aufgehen. Die Rammstein-Ästhetik,
ins Moralische gewendet. Leere Monumentalität, mit dem Leid der Naziopfer
verschränkt.
Zu Hofs Lieblingsgeschichten
gehört, wie er zwar für heikle Kunden wie die chinesische Regierung oder
arabische Scheichs arbeite, ihnen dabei aber eine Lektion erteile. Die
Anekdoten ähneln sich, ob sie sich im fernen Peking oder in Dubai zugetragen haben sollen. Die
Auftraggeber wollen Hof
die Gestaltung des Feuerwerks vorschreiben. Er bleibt standhaft bei seinem
Konzept und setzt sich am Ende durch. »Man muss mit den Jungs einfach
Klartext reden«, sagte er der Sächsischen Zeitung.
Klartext aber ist das Letzte, was Hof
spricht. Mit immer neuen Märchen stilisiert er seine Geschichte, verschleiert
und schönt. Kein Zweifel: Gert Hof ist ein Opfer der Stasi geworden, doch er
ist kein reines Opfer geblieben. Sein Vorgehen erinnert an das schizophrene
Verhalten der ostdeutschen Bürgerrechtler und Intellektuellen, die nach der
Wende als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wurden. An die Schriftsteller Fritz
Rudolf Fries und Sascha Anderson etwa, aber vor allem an Ibrahim Böhme, der
1989 als Gründer der Sozialdemokratischen Partei der DDR zu Medienruhm
gelangte. Böhme hatte sich in einem Gebäude aus Halbwahrheiten und Lügen
eingerichtet, das er auch nach seiner Enttarnung nicht aufgab. Um sich
interessant zu machen, gab er sich als Sohn jüdischer Emigranten aus. Nach
außen Teil der Opposition, für eine Flutblatt-Aktion selbst verhaftet, blieb
er aber Teil des Systems und verfasste heimlich bis zum Ende der DDR Berichte
für Mielkes Apparat.
Ausgerechnet wie bei den
janusköpfigen Zuträgern der Stasi also verwischen sich bei Hof Züge von Opfer
und Täter; wie mancher Ostdeutscher scheint er die volle Wahrheit verdrängen
zu müssen. Dabei profitierte Hof
auf Kosten anderer, als er seine Geschichte heftig aufbauschte und –
moralisch doppelt fragwürdig – seine Tabubrüche damit legitimierte. Leider
konnte er sich stets darauf verlassen, dass dankbare Reporter seine
Geschichten unhinterfragt aufschrieben und ohne Gegenrecherche abdruckten.
(Die Verfasser dieses Artikels fielen zunächst auch auf Hof herein und veröffentlichten 2003 ein
unkritisches Porträt.) Trotz wiederholter Bitten um Stellungnahme hat er sich
gegenüber der ZEIT zu den neuen
Erkenntnissen bisher nicht geäußert.
Gert Hof ist ein Blender. Ein
Mann, der sein Fähnchen überall in den Wind hängt, die typische Mischung aus
Biedermann und Brandstifter, der sein Geschäft damit gemacht hat, sich als
prinzipientreu und unbeugsam darzustellen. »Welche Werte sollen wir unseren
Kindern weitergeben?«, fragte ihn die Zeitung
Junge Freiheit einmal. »Moral«, antwortete er. »Bei wem
und wofür ist noch eine Entschuldigung fällig?«, fragte die Deutsche Welle.
»Fällt mir jetzt nichts ein«, sagte Hof.
»Ich lebe nach dem Grundsatz: Die größte Waffe, die der Mensch hat, ist
Wahrheit.«
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