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Schizophrenes Verhältnis
Die Latinos prägen als größte Minderheit der USA zunehmend
das Bild des Landes. Viele von ihnen sind illegale Immigranten – denn ganze
Wirtschaftszweige sind in den USA inzwischen von den undokumentierten
Arbeitern abhängig.
Erschienen in der BERLINER ZEITUNG, Mai
2006

Dieser kleine Junge zeigte sich auf der Immigrations-Demo in L.A. als
Amerika-Fan. .

Aaron Sanchez, 40, lebt seit 18 Jahren in den USA. Sanchez ist
Vorarbeitereiner Baufirma und zahlt Steuern – Papiere hat er immer noch
nicht.

Dieser Mann häkt eine nachgemachte Social Security Card hoch – jenes
Dokument, das Einwander in den USA zu legalen Bürgern macht.

Ironisch: Schilder wie das auf dem Shirt dieses Mannes säumen US-Straßen entlang
der mexikanischen Grenze – darunter ist zu lesen: "Ja, wir können."
Fotos: Nina Rehfeld
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Im Jahr
1794 sorgten die damals dominanten deutschen Einwanderer in den USA mit einem
unverschämten Vorschlag für Aufregung: In einer Gesetzesvorlage forderten
Abgeordnete aus Virginia im Repräsentantenhaus, dass amerikanische Gesetze
und Regierungsvorschriften künftig auch in deutscher Sprache verfasst würden.
Legendenbastler verbrämten dies später zu dem Mythos, deutsch wäre um ein
Haar Amtssprache der Vereinigten Staaten geworden. Doch in Wirklichkeit
mochte den Vorschlag nicht einmal der damalige deutschstämmige Sprecher des
Hauses, Augustus Conrad Muehlenberg, mittragen. „Je eher deutsche Einwanderer
zu Amerikanern werden, desto besser“, begründete er seine Ablehnung.
Ende April
dieses Jahres machten sich die Latinos, Amerikas derzeit stärkste
Einwanderergruppe, mit einem ähnlich dreisten Vorstoß unbeliebt: Ein
Plattenlabel brachte mit „Nuestro Himno“ eine spanischsprachige Version der
amerikanischen Nationalhymne ins Radio. Das war Öl aufs Feuer konservativer
Politiker, die angesichts dramatisch wachsender Einwandererzahlen aus
Lateinamerika eine Hispanisierung Amerikas befürchten. Einer der
prominentesten Anti-Immigrations-Aktivisten, der Kalifornier Jim Gilchrist,
rief in Atlanta aus: „Ihr werdet die USA
nicht erobern!“
Dabei
konstituierten sich die USA
einst als Nation von Immigranten. Zu Einwanderungs-Spitzenzeiten um 1910 bestand
die Bevölkerung zu fast 15 Prozent aus Immigranten der ersten Generation.
Heute sind es knapp 12 Prozent. Und ähnlich, wie man vor 200 Jahren
fürchtete, die USA könnten „eingedeutscht“ werden, grassiert heute die Sorge,
dass sich das Land in die Lateinamerikanischen Staaten verwandeln könnte.
Denn das Antlitz des vielzitierten Schmelztiegels ist in einem dramatischen
Wandel begriffen – nicht mehr europäische, sondern lateinamerikanische
Einwanderer prägen heute die Bevölkerungsstruktur des Landes. 2001 lösten die
Latinos die Afroamerikaner als größte Minderheit des Landes ab, heute sind
fast 43 Millionen der 296 Millionen Amerikaner, gut 14 Prozent, hispanischer
Herkunft.
Der
Einfluss der Latino-Kultur ist längst nicht mehr zu übersehen. Im amerikanischen
Südwesten, der bis vor gut 150 Jahren zu Mexiko gehörte, ist spanisch in
öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Ämtern und in Geschäften, sogar auf einigen
Werbetafeln zur zweiten Amtssprache geworden. George W. Bush umwarb im
Wahlkampf 2004 mit spanischsprachigen TV-Spots die Latino-Gemeinde, die
maßgeblich zu seinem Wahlsieg beitrug. Fernsehsender wie CNN, Fox Sports,
ESPN, Discovery und HBO haben in den vergangenen fünf Jahren
spanischsprachige Kanäle gestartet, und MTV kündigte soeben für den Herbst den
Start eines spanischsprachigen Kanals namens „MTV Tres“ an. Der Sender ABC
sendet seit Anfang dieses Jahres seine Top-Hits wie „Desperate Housewives“
und „Lost“ auch in spanischer Synchronisation. Und der spanischprachige
Sender Unvision kauft den vier großen Networks in Märkten wie New York, Los Angeles
und Miami
schon mal die Quotenführerschaft ab. „Die großen vier sind jetzt die großen
fünf. Comprende?“, protzte der Sender im vergangenen Jahr in einer
ganzseitigen Anzeige in der „New York Times“.
Zwar sind
neuesten Schätzungen des amerikanischen Census Bureau zufolge nicht in erster
Linie Immigranten, sondern in den USA geborene Latinos für den hispanischen
Bevölkerungsboom verantwortlich. 60 Prozent aller neuen Latinos sind demnach
hier geboren und damit amerikanische Staatsbürger. Doch mit den geschätzten
500 000 Immigranten, die jährlich die 3200 Kilometer lange Grenze zwischen
Mexiko und den USA
passieren, ist eine wahre Latino-Völkerungswanderung im Gange.
Die
Latinos kommen aus den gleichen Gründen, aus denen Generationen von
Immigranten in die Vereinigten Staaten kamen: „Ich will hart arbeiten und
Geld verdienen, damit meine drei Kinder eine gute Ausbildung bekommen und es
zu etwas bringen können“, sagt etwa Juan Rodriguez, 39, aus Veracruz*. Wie
die meisten der lateinamerikanischen Einwanderer arbeitet er illegal in den USA.
Denn was einst für die Schiffspassagiere, die in Ellis
Island ankamen, ein bloßer Ankunftsvermerk war – „without
papers“, ohne Papiere – ist für Einwanderer wie Rodriguez heute ein
entscheidendes Hindernis. Weil ein US-Visum für Lateinamerikaner nur schwer
zu ergattern ist – die amerikanische Regierung vergibt derzeit im Jahr ganze
140 000 - und Wartezeiten von über 15 Jahren normal sind, können sich viele
Latinos ihren Traum nur auf illegale Weise erfüllen.
Auch Juan
Rodriguez kam zunächst illegal über die Grenze nach Tucson. Drei Tage und drei Nächte
marschierte er durch die Wüste - nur, um doch erwischt und zurückgeschickt zu
werden. Jetzt ist er mit einem Touristenvisum da, für das er Grundbesitz,
einen festen Job und einen bestimmten Betrag auf dem Konto nachweisen musste.
„Ich habe Glück, dass ich das konnte, denn ich hatte einen gutbezahlten Job
als Metallarbeiter in Mexiko.“ 2800 Pesos, umgerechnet 280 Dollar verdiente
er in der Woche – weit über dem üblichen Wochenlohn von 500 Pesos, aber
dennoch kaum halb soviel, wie sich jenseits der Grenze verdienen ließ. Und so
nutzt Rodriguez sein Visum auch nicht zum Urlauben. Denn es sind ja gerade
die trostlose Arbeitsmarkt-Lage südlich der mexikanischen-amerikanischen
Grenze und die wirtschaftlichen Chancen nördlich davon, derentwegen es die
Menschen täglich zu Tausenden auch ohne Visum scharenweise in die USA treibt
und zieht. Zuletzt versuchte 1986 eine Immigrationsrechtsreform Herr der Lage
zu werden. Eine Amnestie ermöglichte damals fast drei Millionen Illegalen das
Bleiberecht – aber sie löste zugleich eine neue, hoffnungsfrohe Welle
illegaler Einwanderung aus. Inzwischen leben Schätzungen zufolge 12 Millionen
illegale Einwanderer in den USA,
davon vermutlich mehr als acht Millionen Latinos. Denn die Illegalen sind in
den USA
nur offiziell unwillkommen. Tatsächlich hängen inzwischen ganze
Wirtschaftssektoren von der billigen Arbeitskraft undokumentierter
Einwanderer ab.
„Ich mache
jede Arbeit, die gebraucht wird“, sagt Luis Ramirez, 49, aus Agua Prieta, der
vor zwei Jahren als „mojado“, als „Nasser“, über die Grenze kam – zu Fuß über
die Berge und durch den Rio Grande. Jeden Morgen um fünf Uhr früh steht er
seither mit etwa vierzig weiteren Männern an der Einfahrt des
„Windsong“-Trailerparks in dem Touristenstädtchen Sedona in Arizona und wartet auf Arbeit. Nach und
nach fahren Pick-Ups mit verschiedenen Arbeitsgeräten auf den Ladeflächen vor
- ein kurzer Wortwechsel am offenen Fenster, zeigende Finger, dann steigen
zwei oder drei Arbeitswillige eilig ein.
Im
Südwesten der USA,
aber zunehmend auch in anderen Bundesstaaten gehören solche
Tagelöhner-Stationen zunehmend zum Alltagsbild. Hier beginnt für die Männer,
die ihre Arbeitskraft für acht bis zehn Dollar die Stunde feilbieten und von
Bau- und Gärtnerarbeiten bis zu Putz- und anderen Hilfsjobs alles erledigen,
der amerikanische Traum. „Ich möchte weiterkommen“, sagt Ramirez. Wer sich
bei den „Patrones“, wie die Arbeitgeber genannt werden, bewährt, kann
vielleicht einen dauerhaften Job landen, Geld sparen, ein bescheidenes
Mietshaus beziehen und die Familie nachholen. Und eines Tages vielleicht ein
eigenes Unternehmen eröffnen, wie der Imbiss „Tamale Mamas“ am Coffeepot Drive
oder Rubens Autowerkstatt an der Yavapai
Road.
Jeder in
Sedona weiß, dass die Leute im „Windsong“ illegal sind. Doch wenn die
Immigrationspolizei mehr als ein oder zwei kosmetische Razzien im Monat
durchführen würde, wäre das ein schwerer Hieb für die örtliche Wirtschaft.
Sedona zieht mit seinen pittoresken roten Sandsteinformationen fast soviele
Touristen an wie der nahe Grand Canyon, und
die Latinos, legal oder illegal, sind ein unverzichtbarer Teil der lokalen
Arbeiterschaft. Sie schenken im Restaurant Wasser aus, sie machen
Hotelbetten, säubern Swimmingpools und verrichten Hausmeisterarbeiten, sie
gärtnern, kochen und putzen für die zwölftausend Bewohner des Städtchens und
die drei Millionen Touristen im Jahr.
Wie
Ramirez schicken viele von ihnen wöchentlich ein paar hundert Dollar, heim zu
ihren Familien, die sie der Grenzüberquerung nicht aussetzen wollten. „Zu
gefährlich“, sagt Lucas Salgado, 48, aus Oaxaca in Südmexiko, der einem
Schlepper 1000 Dollar bezahlte, damit der ihn zwei Tage und drei Nächte durch
die Wüste führte. Texas, Kalifornien und Arizona grenzen an Mexiko, allein in Arizona
wagen Schätzungen zufolge täglich mehre Tausend Menschen den gefährlichen
Trek in die USA.
Viele nehmen mehrere Tagesmärsche auf sich, denn je kürzer der Weg, desto
größer die Gefahr, von Grenzposten entdeckt zu werden. Doch im Sommer steigen
die Temperaturen bis auf 50 Grad im Schatten, und den gibt es in der von
niedrigen Büschen und zahllosen Kakteen bestandenen Sonora-Wüste nicht.
Täglich bleiben Tote in der Wüste zurück, und humanitäre Organisationen wie
Humane Borders versuchen mit mobilen Wasserstationen zumindest ein paar Leben
zu retten.
Das
schlimmste, sagt Salgado, sind nicht Hitze, Wassermangel oder
Klapperschlangen, sondern Banditen, die den Migrantentrupps auflauern, um zu
rauben, morden und vergewaltigen. Salgado schaffte es, und nun fristet er ein
Dasein als Rechtloser. Mit Hinweisen auf die Immigrationspolizei sind die
Illegalen leicht einzuschüchtern, und Salgado ist schon zweimal von seinen
„Patrones“ um seinen Tageslohn geprellt worden. Einer war selbst Mexikaner.
Immer noch besser als die Gewalt und die Verschmutzung daheim, sagt er und
fügt an: „Hier gibt es viele gute Menschen.“
Doch die
duldsame Stimmung spitzt sich zu. Aus Protest gegen die „Untätigkeit“ der
Regierung gründete der Kalifornier Jim Gilchrist im vergangenen April eine
private Grenzpatrouille zur Aufspürung illegaler Immigranten, und unter
wachsendem öffentlichen Druck ließ sich das US-Repräsentantenhaus vor wenigen
Wochen zu einer hilflosen Notbrems-Aktion hinreißen: Die Kammer
verabschiedete eine Gesetzesvorlage, die die Errichtung eines 1120 Kilometer
langen Grenzzauns sowie die Kriminalisierung und Deportation sämtlicher
illegaler Einwanderer in den USA vorsah. Auch, wer einem Illegalen hilft,
soll danach künftig als Straftäter gelten.
Prominente
Demokraten, darunter Hilary Clinton und Edward Kennedy, aber auch
Kirchenführer empörten sich über den Vorschlag, und plötzlich traten auch die
Betroffenen aus dem Schatten. Die, die bislang keine öffentliche Stimme
hatten, erhoben sich im April zu einer politischen Bewegung, wie Amerika sie
seit den Bürgerrechts-Protesten in den Sechziger Jahren nicht erlebt hat.
Über Radiosender und Zeitungen, in Kirchen, örtlichen Gemeinden und im
Internet organisierte die hispanische Gemeinde spontan einige der größten
Demonstrationen und den größten Massenboykott in der Geschichte der USA.
Als am 1. Mai, dem „Tag ohne Immigranten“, alle Einwanderer aufgerufen
wurden, ihre wirtschaftliche Macht durch die Verweigerung von Arbeit, Schule
und Konsum zu demonstrieren, fehlten in den öffentlichen Schulen von Los
Angeles über ein Viertel der Schüler, an mexikanischen Restaurants,
organischen Lebensmittelläden und Elektronikgeschäften der Innenstadt hingen
Zettel: „Aus Solidarität geschlossen“. Tyson Foods, Amerikas größter
Fleischproduzent, musste neun Fabriken in den ganzen USA aufgrund von Arbeitermangel
schließen. Und Hunderttausende demonstrierten in zahlreichen US-Städten für
ihr Anrecht auf den amerikanischen Traum: „Wir sind Arbeiter, keine
Terroristen“, „Wir sind Amerika!“ oder „Legalisiert L.A.!“, war auf den
Schildern zwischen zahllosen amerikanischen Flaggen zu lesen, und, in
Anlehnung an die berühmte Rede von Martin Luther King: „Auch wir haben einen
Traum!“ Auf dem Wilshire Boulevard in L.A. skandierten 500 000 Demonstranten
„Si se puede!“, „Wir können es!“, während im Fernsehen Polit-Honoratioren die
plötzlichen, lautstarken und unverblümten Forderungen der Illegalen nach
Legalisierung einzuordnen und zu kommentieren versuchten. Nehmen diese Leute
nicht amerikanischen Arbeitern die Jobs weg? Liegen sie nicht dem Schulsystem
und den Krankenhäusern auf der Tasche?, fragten die einen. Aber haben sie
2004 nicht mehr als 400 Milliarden Dollar Steuern gezahlt? Und halten sie
nicht Industrien im Land, die sonst längst abgewandert wären?, konterten die
anderen.
„Das
Problem ist, dass es in den USA kaum legale Kanäle gibt, um die riesige
Nachfrage nach ungelernten Arbeitskräften zu befriedigen“, sagt Kathleen
Newland, Mitbegründerin des Migration Policy Institute in Washington, das
sich weltweit mit Migrationsbewegungen beschäftigt. Viele Politiker sind der Ansicht, dass die
USA an einer umfassenden Immigrationsreform nicht vorbeikommen, Arizonas
Senator John McCain, der als Anwärter auf die nächste Präsidentschaft gilt,
sagte sogar, die anstehende Gesetzgebung sei ein Meilenstein in der
amerikanischen Geschichte. „Wir müssen das Monster füttern, ohne die Löhne
auszuhöhlen“, sagt Kathleen Newland. „Wir brauchen ein wirksames System, nach
dem Arbeitgeber den Status ihrer Angestellten validieren können. Und wir
müssen 12 Millionen Menschen aus dem Schatten holen.“
Sonst, so
ist zu befürchten, werden illegale Einwanderer weiter eine Art moderne Sklavenarmee
der US-Wirtschaft bestücken. In manchen Fabriken im mittleren Westen sind 70
Prozent der Arbeiter undokumentierte Immigranten, Schlepper kassieren von
Unternehmern bis zu 1000 Dollar pro Kopf für die Herbeischaffung billiger,
williger und illegaler Arbeitskräfte. Als vor zweieinhalb Jahren
Immigrationsbeamte landesweite Razzien in 61 Wal-Mart Fillialen durchführten,
nahmen sie 300 undokumentierte Arbeiter fest, die zum Teil für Tageslöhne von
zwei Dollar in Putzkolonnen arbeiteten. Die Billig-Kette wies mit der
Begründung, man beauftrage externe Agenturen mit der Anheuerung von
Arbeitern, alle Schuld von sich. „Wir Illegalen sind die letzten in der
Hackordnung“, sagt Lucas Salgado. „Wenn einer mit der Polizei droht, sagt
keiner mehr was.“ Der Druck ist immens, viele suchen Trost in Alkohol- und
Drogenmissbrauch.
Zwar ist
die Beschäftigung undokumentierter Arbeiter seit der Immigrationsreform von
1986 illegal und mit Geldstrafen zwischen 250 und 10 000 Dollar belegt. Doch der
konsequenten Durchsetzung stehen einflussreiche Lobbyisten aus eben jenen
Industriezweigen im Weg, die als Jobmagneten für illegale Arbeiter gelten -
Landwirtschaft, Hotel-
und Gastronomiegewerbe
und Bauwirtschaft. 2005 kam es zu gerade einmal drei Anzeigen, die
Immigrationsbehörde hat ganze 65 Beamte zur Überwachung von Arbeitsstätten
abgestellt.
„Die
Amerikaner haben ein schizophrenes Verhältnis zu ihren Immigranten“, sagt
Ramon Gomez aus Sedona. „Einerseits kleben sie an romantischen Vorstellungen einer
offenen, demokratischen und freien Gesellschaft, errichtet von Leuten, die
für kommende Generationen schufteten. Andererseits stehen sie mit ihrer
Arbeiterklasse irgendwie auf Kriegsfuß. Die, die ganz unten anfangen, will
man nicht sehen.“ Gomez ist mexikanischer Abstammung und Personalchef einer
Hotelkette in Arizona.
Sein Vater kam als Sechzehnjähriger in den Dreißiger Jahren aus Mexiko in die
USA – mit dem Traum von einem besseren
Leben und der Entschlossenheit, sich emporzuarbeiten. Er fing als Tellerwäscher
und Bedienungshilfe an, und als er genügend Geld zusammengespart hatte,
eröffnete er einen Taco-Laden. „Leider war er seiner Zeit weit voraus“, sagt
Gomez junior. Der Laden ging pleite, doch der Vater hielt am Traum fest,
seinem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen. „Als ich mein
Universitäts-Diplom überreicht bekam“, erinnert sich Ramon Gomez, „war das
eines von zwei Malen, dass ich meinen Vater weinen sah.“
Ramon
Gomez weiß nicht, wieviele Illegale er schon eingestellt hat. 25 verschiedene
Dokumente können den Status eines Arbeitnehmers in den USA nachweisen, ihre Echtheit zu
überprüfen, sagen amerikanische Arbeitgeber, überstiege ihre Kapazitäten.
Gomez´ Hotelkette beschäftigt 200 Leute, sechzig Prozent davon sind Latinos.
Gomez geht davon aus, dass zumindest einige von ihnen keine eigenen Papiere
haben. „Vielleicht sind die Hälfte illegal hier. Aber wissen Sie, was
passieren würde, wenn wir das herausfinden würden und sie entlassen müssten?
Wir könnten ihre Stellen nicht mit Amerikanern besetzen, weil sich auf unsere
Anzeigen für Zimmermädchen, Hausmeister oder Gärtner niemand außer Latinos
meldet.“
Jim
Gilchrist, der Mitbegründer des Minuteman-Projekts, argumentiert, dass Gomez
schon Personal fände, wenn seine Firma „Gehälter zum Überleben“ zahlen würde.
„Illegale Einwanderer arbeiten für die Hälfte, für ein Drittel oder sogar ein
Viertel dessen, wofür ein US-Bürger die Arbeit verrichten würde“, sagte er
vergangene Woche auf CNN. Doch Gomez gibt zu bedenken: „Dann müssten Sie für
Ihr 200-Dollar-Hotelzimmer 400 bezahlen. Und Ihre Schale Erdbeeren, die von
mexikanischen Wanderarbeitern gepflückt wurde, würde anstatt 2,99 satte 8,99
Dollar kosten.“ Gar nicht zu reden vom
günstigen
Eigenheim. Arizona verzeichnet nach Nevada den zweitgrößten Bevölkerungszuwachs aller
US-Bundesstaaten, und in der boomenden Baubranche rund um Phoenix waren 2004 ein Viertel aller
Arbeiter Latinos.
„Weil
nämlich sonst niemand in der sengenden Sonne schuften, zehn-Stunden-Schichten
schieben und auch noch am Samstag arbeiten will“, sagt Aaron Sanchez, 40, aus
Mexico City.
Am 1. Mai protestierte er vorm Rathaus von Los Angeles mit Bauhelm und einem
riesigen Transparent dagegen, dass man ihn zum Kriminellen machen will, weil
er wie alle ein besseres Leben anstrebt. Sanchez kam vor 18 Jahren über die
Grenze, zu Fuß. Nach zahllosen Jobs als Autowäscher, Koch und
Zeitungsausträger ist er heute Vorarbeiter einer mittelständischen Baufirma
in Kalifornien, von deren 200 Mitarbeitern 180 Latinos sind. Aaron Sanchez
verdient 28 Dollar in der Stunde, „aber das ist immer noch unterbezahlt“,
sagt er, „ein weißer Amerikaner in meiner Position würde mindestens 40
verlangen.“ Ein legaler Einwanderer wohl ebenfalls. Seit sieben Jahren zahlt
Sanchez Steuern, vier Dollar von seinem Stundenlohn gehen allein für die
Sozialversicherung drauf – Papiere hat er noch immer nicht. „Als Konsumenten und Steuerzahler sind wir
willkommen“, klagt Sanchez, „aber als Bürger mit Rechten will uns keiner
haben.“
Tatsächlich
bezahlen viele der Illegalen, die nur mit – gefälschten oder geklonten -
Sozialversicherungsnummern einer regulären Arbeit nachgehen können, brav
Steuern. Trotzdem sprechen sie zum Teil kaum englisch, eben weil sie im
Schatten der amerikanischen Gesellschaft existieren müssen. Viele Amerikaner
hingegen sehen das als Assimilationsverweigerung. Doch die Migrationsexpertin
Kathleen Newland sagt, das stimme so nicht: „Traditionell spricht die erste
Generation von Einwandern nur ihre Muttersprache, die zweite ist
zweisprachig, und die dritte hat ihre Muttersprache bereits fast oder völlig
verloren.“
Tatsächlich
gibt Ramon Gomez, der Personalchef aus Sedona, ein wenig beschämt zu, mit
seinen Kindern daheim kaum spanisch zu sprechen. Auch Juan Rodriguez, der
Metallarbeiter aus Veracruz, sagt, er bedauere, dass schon seine Töchter
Blanca, 13, und Marisol, 8 kaum mehr spanisch lesen und schreiben können.
Rodriguez´ Frau arbeitet in Phoenix
in einer Handyfabrik, seine Kinder gehen dort seit vier Jahren zur Schule.
Und MTV Tres, der Latino-Ableger des Musiksenders, wird statt rein in
spanisch zweisprachig senden, weil Umfragen zufolge die jugendlichen Latinos
eher englischsprachige TV-Angebote nutzen.
Unterdessen
versucht der US-Senat,
einen Kompromiss mit dem Repräsentantenhaus in Sachen Immigrationsreform zu
verhandeln. Ziel beider Seiten ist, die Grenze zu verstärken, einen
rechtlichen Status für die Illegalen zu finden und ein Gastarbeiter-Programm
ins Leben zu rufen, um den Bedürfnissen der US-Wirtschaft gerecht zu werden.
Doch am Ende steht nicht weniger als die nationale Identität der USA
zur Debatte. „Wichtig ist, dass wir unsere nationale Seele nicht preisgeben“,
sagte Präsident Bush vor zwei Wochen. Und der Harvard-Historiker Samuel
Huntington befürchtet in seinem Buch „Who Are We?“, dass die USA in zwei
Kulturen zerfallen könnten, wenn sie angesichts des massiven
Latino-Einflusses nicht ihre „Kernkultur“ wahren: „Anders als andere
Einwanderergruppen lehnen die Latinos die angelsächsisch-protestantischen
Werte ab, die den amerikanischen Traum schufen“, schreibt Huntington. Doch
wenn man auf das Selbstverständnis und den sozialen Alltag der Nation im 21.
Jahrhundert blickt, steht im Herzen des amerikanischen Traums noch immer die
individuelle ökonomische Entfaltung. Und gerade die in die USA immigrierenden Latinos haben
diesen Kernpunkt des amerikanischen Ethos längst verinnerlicht. „Ich möchte
vorankommen“, sagt Luis Ramirez aus der „Windsong“-Siedlung, „und wenn ich
hart arbeite, kann ich in Amerika alles erreichen.“
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