Henrike Thomsen                       Texte

 

 

Justizversagen

 

2007 wurde auf Theaterleute in Halberstadt ein brutaler Überfall verübt. Nach massiven Ermittlungspannen wurde eine Gruppe mutmaßlicher Neonazis angeklagt. Doch der Prozess wurde zum Debakel für Gericht und Staatsanwaltschaft. Ein Jahr später haben die Verdächtigen am Tag der Urteilsverkündung wenig zu befürchten

 

Erschienen Mai 2008 in der Berliner Zeitung (unter dem Titel „Gesamtversagen“)

Text: Henrike Thomsen

 

 

 

 

HALBERSTADT. Einen Beweis gegen sich selbst trägt Christian W. am eigenen Hals. Unter einem wachsbleichen Gesicht mit müden Augen, schmalen Lippen und einem kantigem Kiefer hat er ihn sich in die pergamentdünne Haut ritzen lassen. Ein Wort: "angry", ärgerlich. Der Rest der faustgroßen Tätowierung verschwimmt zu einem blauschwarzen Fleck.

 

Dass Christian W. nicht nur schnell ärgerlich, sondern auch gefährlich werden kann, wird das Amtsgericht Halberstadt nach acht Monaten Verhandlungszeit vermutlich heute offiziell bestätigen. Am Nachmittag soll das Urteil in dem Prozess um den Überfall auf eine Theatergruppe in Halberstadt gesprochen werden.

 

Am 9. Juni 2007, vor fast genau einem Jahr, waren Sänger und Tänzer des Nordharzer Städtebundtheaters brutal zusammengeschlagen und verletzt worden. Nasenbeinbrüche, abgebrochene Schneidezähne, Platzwunden. Die Künstler sprachen von einer "dunklen Masse mit Mützen und Kapuzen", der sie sich plötzlich gegenübersahen. Alles deutete auf einen rechtsradikalen Überfall hin. Polizei und Staatsanwaltschaft waren sicher, dass die Schläger die Theaterleute wegen ihres Aussehens der linken Szene zugeordnet hätten - einer trug einen Irokesenschnitt und einen weiten schwarzen Mantel, ein anderer einen Männerzopf. Dazu präsentierte die Staatsanwaltschaft einen geständigen Täter, der zugab, der rechtsradikalen Szene anzugehören, und der drei Kumpels belastete: Christian W.

 

Doch wenn am heutigen Mittwoch das Urteil ergeht, wird weder von einer gemeinschaftlichen Tat noch von politischen Motiven die Rede sein. Christian W., ein bekannter und vorbestrafter Gewalttäter, ist der einzige der Angeklagten, der mit einer Strafe rechnen muss. Anderthalb bis zweieinhalb Jahre Gefängnis drohen ihm, die Strafe soll auf die Zeit in der Untersuchungshaft angerechnet werden.

 

Der Überfall sei zwar mit gezielten Schlägen und Tritten gegen die Köpfe der Opfer potenziell lebensgefährlich gewesen, sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Doch nur einen einzigen Schlag könne man zweifelsfrei nachweisen. Er hielt Christian W. zugute, an drei Opfer Schmerzensgeld gezahlt und den Ausstieg aus der rechten Szene gelobt zu haben. Etwas anderes wird dem Angeklagten vermutlich auch nicht übrig bleiben nach seinem "Verrat" an seinen ehemaligen Freunden.

 

Die anderen drei Angeklagten, der 23-jährige Tobias L., der 29-jährige David O. und der 25-jährige Stephan L., werden frei gesprochen werden. Sie machten von ihrem Schweigerecht Gebrauch und verweigerten jede Aussage.

 

Keiner außer Christian W. hat sie als Mittäter identifiziert, weder die Opfer noch andere Zeugen. Keiner hat geschildert, dass sich jemand mit rechtsradikalen Sprüchen oder Posen hervortat. Die Staatsanwaltschaft kann ihnen nichts beweisen. Und die Theaterleute müssen mit dem Vorwurf leben, sich schlecht erinnert oder gar absichtlich übertrieben zu haben. "Wahrscheinlich haben wir das alles selbst erfunden und inszeniert", sagt der Intendant des Städtebundtheaters André Bücker bitter.

 

So geht heute im Gericht die Geschichte eines Überfalls zu Ende, und es sieht so aus, als könnten die Theaterleute zum zweiten Mal zu Opfern werden. Diesmal jedoch von nachlässigen Ermittlungen, vorschnellen Urteilen und übereifrigen Staatsanwälten.

 

Da ist zunächst das Verhalten der Polizei, die am Tatort schlampig ermittelte. Christian W. ließen die Beamten wieder laufen, und auch sonst schienen sie sich mehr für die Personalien der Opfer als die Verfolgung der übrigen Täter zu interessieren. Eine interne Untersuchung des Einsatzes sprach später von einem "Gesamtversagen" der diensthabenden Beamten; es gab eine Strafversetzung und eine Entschuldigung bei den Theaterleuten. Da war der Fall bereits an die Öffentlich geraten und die Diskussion um No-Go-Areas im deutschen Osten wieder belebt. Und das in einer Stadt, die mit ihrem Domschatz gerade in die Liga der Kulturstädte zurückkehren wollte.

 

Statt von alten Reliquienschreinen, Wandteppichen und Kirchen, war nun die Rede von Neonazis, von Polizisten, die versagt hatten und von einer Kneipe mit dem furchtbaren Namen "Spucknapf", vor der der Überfall stattgefunden hatte.

 

Unter dem Druck der öffentlichen Empörung machte sich die Staatsanwaltschaft in aller Eile an die Arbeit: Bereits zehn Tage nach der Tat waren alle vier Verdächtigen angeklagt. Das Städtebundtheater veranstaltete einen Aktionstag unter dem Motto "Auf die Plätze - Die Stadt gehört den Demokraten". Die Stadt wollte die Täter bestrafen und dann schnell zur Tagesordnung übergehen. Doch zu Prozessbeginn im Oktober zeigte sich, wie dünn die Beweislage war. Mal tauchte eine neue Ermittlungsakte auf, die die Polizei verlegt hatte, mal schlugen sich die Opfer im Zeugenstand mit Widersprüchen und Erinnerungslücken herum. Neue, verwirrende Details kamen ans Licht. Eine Sängerin hatte den Tätern zugerufen: "Bist du schwul oder was?" Eine Provokation. Jetzt mussten sich auch die Opfer verteidigen.

 

"Ich habe mich bei meiner Zeugenaussage wie ein Verdächtiger gefühlt. Mein Eindruck: Man wollte uns als einfältig und als Lügner darstellen, um die Polizei zu rehabilitieren", fasste es ein Tänzer in seiner Abschlusserklärung am Montag zusammen. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft sagt: "Im Zeugenstand geht es manchmal heiß her. Die Opfer sind mit der Rolle als Zeugen nicht fertig geworden, danach haben sie es schleifen lassen."

 

Während sich die Zusammenarbeit der Zeugen mit der Staatsanwaltschaft stetig verschlechterte, ließen sich fünf der Opfer mit Hilfe einer zivilen Nebenklage selbst als Prozesspartei vertreten. Es wurde immer komplizierter. Die Opferanwälte geißelten die hektisch gezimmerte Anklage der Staatsanwaltschaft und die nicht wieder gut zu machenden Ermittlungsfehler der Polizei. Sie mussten sich wiederum vorwerfen lassen, mehr politisch als mit Blick auf die Strafprozessordnung zu argumentieren.

 

Die Verteidiger und ihre Mandanten konnten sich indessen entspannt zurücklehnen, zumal das Gericht die für sie heiklere Anklage auf eine gemeinschaftlich geplante Tat wegen der schwachen Beweislage von Anfang an nicht zugelassen hatte. Ein letzter Hoffnungsschimmer glomm auf, als die Polizisten, die in der Tatnacht im Einsatz gewesen waren, im März in den Zeugenstand gerufen wurden. Doch die Beamten machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, das jedem frei steht, wenn er sich selbst durch die Aussage belasten würde oder könnte.

 

Im Prozess wurde bekannt, dass mindestens einer der drei Mitangeklagten von Christian W. Tätowierungen am Körper trägt - Hakenkreuze und Runen. Für das Verfahren spielte dies keine Rolle. Je länger verhandelt wurde, desto siegesgewisser wurden die Angeklagten. Als das Gericht an einem verregneten Aprilmorgen zum Tatort in Halberstadt fuhr, um die Tat nachzustellen, benahmen sie sich wie Touristen, gingen in den "Spucknapf", rauchten und beobachteten interessiert, was sich auf der anderen Straßenseite abspielte.

 

Der Richter Holger Selig hatte Statisten bestellt, um laut Protokollen genau nachzuvollziehen, wie Opfer und Täter in der fatalen Nacht agiert hatten, wer wen gesehen und was gehört haben könnte. Mit einem Metermaß ließ er akribisch Distanzen vermessen, mit der Stoppuhr Laufzeiten nehmen. Die Angeklagten schossen Fotos mit ihren Handys. Es war ein gespenstischer Moment, es schien, als vergewisserte sich das Gericht, ob die Ereignisse des 9. Juni 2007 überhaupt stattgefunden haben könnten oder ob alles nur eine Erfindung war. Spätestens in diesem Moment hatten die Künstler die Gewissheit, dass sie von dem Prozess nicht mehr viel zu erwarten haben.

 

Sie haben den Überfall auf ihre Art verarbeitet.

 

Im Nordharzer Städtebundtheater läuft die Inszenierung "Der Kick", ein Stück des Dokumentarfilmers und Regisseurs Andres Veiel über ein Verbrechen in Potzlow. In der brandenburgischen Stadt wurde ein Junge von einer Dreierbande bestialisch zu Tode gequält. In einem Film, der den Tätern aus Potzlow als Vorbild diente, sieht man den Schauspieler Edward Norton mit einem riesigen tätowierten Hakenkreuz auf der Brust.

 

Die Halberstädter Inszenierung zeigt diese Filmbilder und verbindet sie mit dem Überfall in ihrer Stadt. Im Fachjargon spricht man in solchen Fällen von einer "theatralen Behauptung".

 

 

 

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