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Neue Philosophie
des Kunstmarkts
Neben dem Art Forum eröffnen in Berlin drei weitere Messen
für Gegenwartskunst. Der Markt boomt - und dabei vermischen sich Primär- und
Sekundärmarkt immer mehr. Das Auktionshaus Christie's drängt mit Macht in die
Galerienszene
Erschienen September 2007 in taz, die tageszeitung
Text: Henrike Thomsen
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Adrian Ghenie kann sich glücklich schätzen. Im Juli zeigte die Galerie
Wohnmaschine die erste deutsche Einzelausstellung des jungen rumänischen
Malers in Berlin.
Doch auch andere Parteien sind an seinen düster-suggestiven Bildern interessiert.
Die Galerie Haunch of Venison bezahlte Ghenie jüngst einen dreimonatigen
Aufenthalt in der Hauptstadt. Auch James Coley kann zufrieden sein. Der
Fotograf und Bildhauer ist für den renommierten britischen Turner-Preis
nominiert. Damit er sich im heimischen Glasgow
nicht langweilt, hat ihn Haunch of Venison ebenfalls nach Berlin eingeladen, zur Eröffnung der neuen
Hauptstadt-Dependance im Kunstherbst, einfach so.
Haunch of Venison wohlgemerkt ist keine Stiftung, die Stipendien vergibt,
kein Museum oder Kunstverein mit
Atelierprogramm, sondern eine kommerzielle Galerie, eine der wichtigsten
international. Ihre Gründer Harry Blain und Graham Southern kamen in der
Liste der hundert wichtigsten Persönlichkeiten im Kunstbetrieb, die das
Londoner Kunstmagazin Art
Review jährlich erstellt, 2006
auf Platz 54. In der Bewertung für dieses Jahr dürften sie dank der François
Pinault noch höher landen. Der französische Sammler steht an der Spitze der
Liste. Er ist der Besitzer des Auktionshauses Christie's und seit Februar
auch von Haunch of Venison. In wenigen Schritten gelangt man so von Adrian
Ghenie aus dem abgelegenen rumänischen Cluj und von James Coley aus dem
fernen Schottland durch den Transitraum Berlin in das Machtzentrum des
Kunstmarktes in London und New York, wo die Karrieren und das Geld gemacht
werden. Nirgendwo kann man die Verwertungsketten im Kunstmarkt, die neuesten
Entwicklungen und die tragikomische Rolle Berlins derzeit so gut beobachten.
Die Geschichte beginnt vor fünf Jahren, als Blain und Southern die
Galerie mit den saftigen Namen ("Haunch of Venison" bedeutet
"Rehkeule") aus der Taufe hoben. Dank Namen wie Bill Viola und
Richard Long, Anton Henning und Wim Wenders, die sie repräsentieren, standen
sie bald gut da - und dank ihrer guten Beziehungen in der Geschäftswelt.
Graham Southern hatte von 1985 bis 2001 für Christie's gearbeitet und das
Geschäft mit zeitgenössischer Kunst im Auktionshaus aus der Taufe gehoben.
Sein geschäftstüchtiger Partner Harry Blain will die gemeinsame neue Galerie
2002 zwar nicht mit dem expliziten Ziel gegründet haben, später einmal
übernommen zu werden, aber er konzediert: "Ich habe nach Wegen gesucht,
dieses Geschäft auf langfristige Weise besser zu machen." Das Gespräch
mit Christie's habe ergeben, dass die Visionen kompatibel seien. Welche
Visionen? "Die beste Arbeit für die Künstler zu machen und ihnen die
größtmögliche Unterstützung zu geben." Zum Beispiel mit der Förderung
für Ghenie und Coley. Zehn Kuratoren, darunter ein früherer Mitarbeiter der
Londoner Tate Galerie, kümmern sich bei Haunch of Venison ausschließlich um
die Künstler. Die Hauptstadtfiliale in der Heidestraße hinter dem Hamburger
Bahnhof hat kein Verkaufsteam, sondern versteht sich als Projekt- und
Laborraum, als Schaufenster und Szene-Schnittstelle.
Doch diese Meriten gelten in den Augen vieler Kollegen wenig. Der 23.
Februar, an dem Christie's seinen Einsteig bei Haunch of Venison bekannt gab,
war für sie ein Alarmschuss. Zum einen fürchtet man die neue finanzielle
Stärke des Londoner Platzhirschen, der dank der Unterstützung des
Auktionshauses nun noch rascher expandieren kann. Anfang nächsten Jahres ist
die Eröffnung einer Filiale in New
York geplant, die von einem weiteren früheren
Christie's-Experten, Barret White, geleitet wird. Zum anderen fürchtet man
eine Verwischung der traditionellen Grenzen zwischen Primär- und
Sekundärmarkt. Der Erstverkauf von Werken frisch aus der Künstlerwerkstatt
ist das Kerngeschäft der Galeristen. Auktionshäuser dürfen nach der goldenen
Regel erst beim Wiederverkauf der Werke, im sogenannten Sekundärmarkt, zum
Zug kommen. Jetzt aber verkündet Christie's dreist eine "Großoffensive,
um in den Primärmarkt einzutreten und das weltweite Privatgeschäft mit
Nachkriegs- und zeitgenössischer Kunst zu entwickeln." Die
Differenzierung, Haunch of Venison werde weiterhin vollkommen unabhängig
operieren und mit der Abwicklung privater Vermittlungen das Sekundärgeschäft
des Auktionshauses lediglich ergänzen, beruhigte wenig. Die Angst also, dass
zum Beispiel Arbeiten von Adrian Ghenie oder Nathan Coley demnächst direkt
auf einer Auktion auftauchen und dort überzogene Preise erzielen könnten, die
das Gefüge weiter verzerren, ging um.
"Viele Leute waren skeptisch. Ich glaube aber, dass sich das ändert.
Unsere Kollegen sehen, dass sich Christie's nicht einmischt, wir haben immer
noch dasselbe Team, und wir ändern die Philosophie des Handelns nicht. Auf
lange Sicht ist die Situation für alle gut. Wenn wir stark sind, profitieren
auch andere. Wir schaffen Möglichkeiten für alle", sagt Blain. Auch der
Berliner Kunsthändler und Vorsitzende des Galerien-Landesverbands, Werner
Tammen, sieht die Konkurrenz gelassen: "Die bewegen sich in einem
Elitärmarkt, der die meisten mittelständischen Galerien gar nicht berührt.
Der stärkere Fokus kann vielleicht sogar positive Auswirkungen haben."
Doch als Symptom für die jüngsten "sehr substanziellen
Veränderungen" auf dem Kunstmarkt müsse man das Thema kritisch
beobachten. In China
ist es laut Tammen bereits üblich, dass Auktionshäuser direkt Künstler
aufbauen und verkaufen. Diese Häuser seien im Bewusstsein der aktuellen
Nachfrage "sehr pushy". Mit Erfolg: Überall taucht derzeit
chinesische Gegenwartskunst massiv auf, nicht zuletzt in den Herbstauktionen
von Christie's und Sotheby's parallel zu der Frieze-Kunstmesse Mitte Oktober
in London.
Die Angst also, dass ein Ghenie oder Coley plötzlich direkt auf einer
Auktion auftauchen könnte, entpuppt sich als zu schlicht. Die Vermischung von
Primär- und Sekundärmarkt geschieht auf subtilere Weise und war auch im
Westen vor dem Blain-Pinault-Deal längst im Gange. Der New Yorker Gallerist
Jeffrey Deitch hat es dem Magazin artnet zufolge einmal so
erklärt hat: Für jeden siegreichen Bieter bei einer Auktion gibt es einen
unterlegenen Bieter, der bereit ist, beinahe ebenso viel zu zahlen. Alles,
was das Auktionshaus benötigt, ist einen scharfsichtigen Kunsthändler, der
mit diesem frustrierten Käufer etwas machen kann, um die Gewinne praktisch zu
verdoppeln. Das ist das Wesen der "privaten Vermittlungen" oder
"backroom sales", wie es auf Englisch treffend heißt: das Geschäft
im Hinterzimmer. Ob die Ladentheke nach vorn
heraus dem Galeristen oder dem Auktionshaus gehört, ist dabei letztlich egal.
Der Sektor wächst so oder so. Deitch, die Nr. 40 im Art-Review-Ranking, war seinerseits in den Neunzigerjahren übrigens eine Liaison mit
Christie's Erzrivalen Sotheby's eingegangen, die Berichten zufolge aber still
zu Grabe getragen wurde. Im Telefoninterview lehnte der Galerist jeden
Kommentar ab, Sotheby's ließ wiederholte Anfragen unbeantwortet.
Haunch of Venison machte nach Blains Angaben allein in der ersten Hälfte
2007 mehr Geschäfte als im gesamten Jahr 2006, als die Galerie rund 71
Millionen Euro (100 Millionen Dollar) umgesetzt habe. Und das ist ohne das
Geschäft der Privatvermittlungen für Christie's gerechnet, das Blain nun
zusätzlich exklusiv betreibt - 2006 hatte das Auktionshaus mit diesem Zweig
181 Millionen Euro (256 Millionen Dollar) umgesetzt. Ist also das Engagement
für Künstler wie Ghenie und Coley nur ein Vorwand, um die große
Gelddruckmaschine anzuwerfen und die angeblichen "Visionen" pure
Makulatur? Auch dies wäre zu kurz und schlicht gedacht.
"Es gibt immer mehr private Galerien, Unternehmen, Sammler oder
Stifter, die mit festen oder freien Kuratoren Ausstellungen machen und damit
Diskurshoheit bekommen", sagt der Künstler und artnet-Chefredakteur Thomas W. Eller. Steht am anderen Extrem eine öffentlich
finanzierte Ausstellung wie die documenta 12, die eine radikale
Verweigerungsgeste sowohl gegenüber dem Markt als auch zum herkömmlichen
Ausstellungsbetrieb pflegt, entstehe der Eindruck, dass die privaten den
öffentlichen Institutionen "den Job weg nehmen", wie Werner Tammen
sagt. In Berlin
etwa habe jüngst eine Reihe privater Schauräume eröffnet, während die
staatlichen Museen das Geld und Personal fehle, um zeitgenössische Kunst
breit zu präsentieren. "Später wird es so aussehen, als hätte diese Zeit
in Berlin
nicht stattgefunden, weil nichts erworben wurde", so Tammen. Dafür macht
vielleicht in ein paar Jahren ein Privatverein auf, um die Bestände eines
Sammlers und früheren Galeristen zu zeigen, der sich auf die junge deutsche
und internationale Kunst im frühen 21. Jahrhundert konzentriert hat, so wie
jetzt die nichtkommerzielle Galerie "El Sourdog Hex", die in der
Zimmerstraße hochkarätige Ausstellungen zu Bernd Koberling, Roberto Matta,
Claes Oldenburg, Lawence Weiner und Markus Lüpertz zeigt. Das ist das
Tragikomische am Kunststandort Berlin: Er ist wunderbar für die künstlerische
Produktion, die Galeristen und Sammler abschöpfen können - in den
Institutionen der Stadt bleibt wenig hängen.
Man könnte die Geschichte also als Krise der
Institutionen lesen, die an Definitionshoheit und Stützfunktion verlieren,
während der Markt die Lücke füllt - ohne dass die Öffentlichkeit einen
Anspruch darauf hätte. Für Eller greift diese Lesart zu kurz. "Ich halte
die Entwicklung für ein Indiz der zunehmenden Vernischung in der Kunst
ähnlich wie in der Musik. Dort gibt es
inzwischen zahlreiche Szenen, die sich einfach nicht mehr berühren, Klassik,
Pop usw.", sagt er. Die öffentlichen Institutionen dürften sich aber
auch nach dieser Analyse nicht zurücklehnen. "Früher galten die Museen
als die großen Vermittler. Jetzt sind die Kategorien unklar und strittig. Die
Museen müssen ihr Profil schärfen", fordert Eller. Was jüngeren
Künstlern wie Ghenie und Coley wie eine paradiesische Lage vorkommen könnte,
hat für den erfahrenen Eller nämlich einen entscheidenden Haken: "Ich
mag als Künstler heutzutage alle Möglichkeiten haben, aber ich weiß nicht
mehr, mit welchem Publikum ich eigentlich kommuniziere."
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