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"Bitte sehr! Ich kann es noch!"
Als Siebenjähriger verließ Mike Nichols seine Heimatstadt
Berlin auf der Flucht vor den Nazis. In den USA wurde er zu einem berühmten
Komiker und später zum geachteten Filmregisseur, der mit Werken wie "Die
Reifeprüfung" Klassiker schuf. Ein Gespräch – zum Teil auf deutsch - über seine Heimat, Humor und die
Unergründbarkeit der Zukunft.
Erschienen in der Berliner Zeitung, Februar
2008
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Mike
Nichols, eigentlich Michael Igor Peschkowsky, wurde 1931 in Berlin geboren und
flüchtete als Siebenjähriger mit seiner Familie vor den Nazis nach New York.
Seinen Start im Showbusiness machte er als Komiker, doch als Film-, Fernseh-
und Theaterregisseur sollte er zur Legende werden. Zu seinen bekanntesten
Werken zählen die Filme "Die Reifeprüfung", "Wer hat Angst vor
Virginia Woolf?" und "Silkwood", 2005 brachte er das
Monty-Python-Musical "Spamalot" auf die Bühne. Jetzt hat Nichols,
76, mit dem Kinofilm "Der Krieg des Charlie Wilson" eine
unglaubliche, aber wahre Geschichte inszeniert – die eines texanischen
Hallodris und Kongressabgeordneten, der Anfang der Achtziger Jahre heimlich
die afghanischen Mudschaheddin mit Abwehrraketen ausrüstete und damit die
Niederlage der Sowjets mit herbeiführte.
Im
Hotel Adlon sprach Nichols über seine Kindheit in Berlin, Flüchtlingshumor
und deutschen Witz, Hillary Clinton und Angela Merkel und seine Freude über
den möglichen Ausfall der diesjährigen Oscars.
Mr.
Nichols, Sie haben sich ausgebeten, dieses Interview auf englisch statt auf
deutsch zu führen...
Ja, denn wissen Sie was? Die Worte kommen mir nicht!
(deutsch) Ich kann es aussprechen, aber ich habe keine Wörter! Naja, ich war
sieben...
Es
geht doch!
(englisch) Sie sind wirklich weg. Neulich wollte ich
einen Witz zum Besten geben, den mein Bruder und ich immer erzählten, und ich
konnte mich nicht mehr an das Wort für Kissen erinnern!
Sie
haben Berlin 1939 mit Ihrer russisch-jüdischen Familie verlassen. Hat sich
Ihnen ein letzter Eindruck eingebrannt?
Natürlich! Ich weiß noch, wie wir in Hamburg an Bord
der „Bremen“ gingen – das war am 4. Mai 1939, zwei Wochen vor der "St.
Louis"...
...die
ebenfalls mit jüdischen Flüchtlingen in Hamburg ablegte und später umkehren
musste, weil sie in Nordamerika keine Aufnahme fand.
Ja. Jedenfalls wollten wir gerade an Bord, als
plötzlich Hitler eine Rede hielt. Sie wurde über riesige Lautsprecher auf der
Straße ausgestrahlt, und alles musste anhalten. Autos mussten stoppen,
niemand durfte sich bewegen, bis die Rede vorüber war. Auch wir mussten stoppen,
man spannte ein Seil vor die Gangway. Ich erinnere mich sogar noch an eine
Mutter, die ganz aufgeregt war, weil die Milch für ihr Baby bereits an Bord
gegangen war. Man sagte ihr, man könne nichts für sie tun. An den Inhalt der
Rede kann ich mich nicht erinnern, nur an die berühmte Intonation.
Haben
Sie Erinnerungen an Berlin?
Ja, sogar sehr gute. Ich vor vier, fünf Jahren mit
meiner Frau und meiner Tochter zu dem Haus gefahren, in dem ich geboren wurde
und aufgewachsen bin, am Olivaer Platz 4. Ich war mir nicht einmal sicher, ob
es noch dasselbe Haus war, weil es mir so klein erschien. Gegenüber erinnerte
ich mich an diesen riesigen Park, der plötzlich so klein wie dieser Tisch
wirkte. Es war geschrumpft, weil ich gewachsen war - jeder von uns hat diese
Erfahrung. Ich erinnere mich auch an diese SS-Kinder. Natürlich gab es die
nicht wirklich, aber sie wirkten, als trügen sie eine Uniform, und ich weiß
noch genau, wie sie mir mein Fahrrad wegnahmen. Und dann war da noch Tante
Klärchen. Mein Vater war schon in den USA und meine Mutter war im
Krankenhaus, also wohnte ich bei der Mutter eines Freundes, Tante Klärchen
eben. Als meine Mutter nach mir in die USA kam, erzählte sie mir als erstes,
dass sie Tante Klärchen abgeholt hatten und sie im KZ gestorben war.
Sie
entkamen, indem Sie nach New York emigrierten...
Ja, nacheinander. Erst mein Vater, dann mein Bruder und
ich, dann meine Mutter.
Können
Sie sich vorstellen, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie in Berlin hätten
bleiben können?
Ich wäre vermutlich tot.
Ich
meinte, in einer besseren Welt...
Ich glaube, ich hätte dennoch denselben Weg
eingeschlagen. Ich bin vorbelastet - meine Großmutter Hedwig Lachmann schrieb
das Libretto zu „Salome“. Sie übersetzte Oscar Wildes Französisch ins
Deutsche und arbeitete mit Richard Strauss am Libretto. Mein Großvater
mütterlicherseits war Gustav Landauer, ein bekannter Schriftsteller und
Anarchist, was zu seiner Zeit soviel wie Sozialist bedeutete. Er war Teil der
Münchner Räterepublik. Nach deren Niederschlagung nahmen sie ihn mit aufs
Polizeirevier und prügelten ihn im Hof zu Tode. Meine Mutter erfuhr davon in
der Straßenbahn, sie war zwölf. Sein bester Freund entkam, machte seinen Weg
in die USA, nach Santa Fe, änderte seinen Namen in B. Traven und schrieb „Der
Schatz der Sierra Madre“ – was für eine Akklimatisierung an ein neues Land!
Ich glaube, das steht stellvertretend für jene emigrierten deutschen Juden,
die Künstler waren und die Vereinigten Staaten geradezu ausmalten, eine ganze
Kultur schufen. Es ist eine Kultur wie in "Casablanca" - alles
Flüchtlinge, Flüchtlingsideen, Flüchtlingshumor: „Liebchen, which watch? -
Ten watch. - Such much?“
Sie
haben mal gesagt, Komik und Tragik sind eigentlich dasselbe...
Tragik ist der Niedergang von jemandem, der besser ist
als wir, durch Stolz, oder allgemeiner: durch eine Charakterschwäche. Komik
ist dasselbe, nur dass sich keiner dabei wehtut.
Wie
schwierig war es, die Komik ihres Filmhelden Charlie Wilson, der als
whiskeytrinkender Schürzenjäger und Kongressabgeordneter die haarsträubendsten
Maßnahmen ergreift, um die Mudschaheddin zu bewaffnen, mit der Tragik des
Krieges in Afghanistan zu balancieren?
Die Vorstellung, die Tom Hanks und der Drehbuchautor
Aaron Sorkin und ich vom Leben haben, deckt sich weitgehend. Es hat etwas
damit zu tun, den Humor bis zum Schluss zu wahren. Es gibt doch den alten
Witz von den zwei Juden, die dem Erschießungskommando gegenüberstehen. Der
eine ruft „Ihr Bastarde! Ihr Bastarde!“, und der andere sagt „Pst, mach uns hier
keinen Ärger!“ Es ist wunderbar, sich den Humor bis zum letzten Moment
bewahren zu können. Denn Humor ist stets näher an der Wahrheit als
Bedeutungsschwere - oder das Schlimmste von allem, Humorlosigkeit.
Ein
britischer Journalist gab kürzlich im Interview mit einer deutschen Zeitung
zu bedenken, dem deutschen Humor fehle heute der schnelle jüdische Witz und
die Schlagfertigkeit...
Ich sehe die Deutschen nicht als humorloses Volk. Als
ich klein war, hörte ich eine Platte von einem sehr berühmten Kabarettisten.
Sie hieß „Der Patient“ und drehte sich um das Gespräch eines Arztes mit einem
Patienten, der ihn in den Wahnsinn treibt. Am Ende der Platte fordert der
Arzt total entnervt sein Honorar, und der Patient sagt, nein, auf
Krankenkasse. Der Arzt sagt: Krankenkasse? Da hätten Sie heute früh zwischen
zehn und elf kommen müssen! Und der Patient sagt: Brauch ich nicht, ich war
ja schon hier. (Lacht) Ich finde das wahnsinnig komisch, insofern assoziere
ich Deutsche nicht mit Humorlosigkeit. Gott vergebe mir, aber über wen ich
nicht unbedingt lachen kann, sind die Franzosen. Sie sind vieles, aber nicht
komisch. Es gibt Ausnahmen wie Jacques Tati. Doch die Franzosen, die ich
kenne - und liebe - sind einfach nicht sehr komisch. Aber die Deutschen sind
komisch! Sie haben wirklich Humor. Hey, ich kann noch einige Gedichte von
Christian Morgenstern auswendig, auf deutsch!
Dürfen
wir eine Kostprobe haben?
(Auf deutsch) „Links sind Bäume, rechts sind Bäume, und
dazwischen Zwischenräume. In der Mitte fließt ein Bach. Ach! In der
Bahnhofshalle, nicht für es gebaut, läuft ein Huhn, sagen wir es laut. Dass
ihm unsere Sympathie gehört, auch an diesem Platze, wo es stört...“ Bitte
sehr! Ich kann es noch!
Kompliment.
Spielt Komik allgemein eine wichtige Rolle in Ihrem Leben?
Ich traue ganz allgemein Dingen nicht über den Weg, die
nicht zumindest teilweise komisch sind. Als Komiker habe ich eines gelernt:
Wenn du keine Geschichte hast, bewege dich einfach von einem komischen Moment
zum nächsten. Dann erscheint das Ganze als Geschichte. Das habe ich zuletzt
mit "Spamalot" gemacht, dem Monty-Python-Musical, dessen Geschichte
so dünn ist, dass man sie in zwei Worten erzählen kann.
Sie
haben als Komiker angefangen -
gemeinsam mit Elaine May nahmen Sie Ende der Fünfziger Jahre die
Kompliziertheiten in der Beziehung zwischen Männern und Frauen aufs Korn.
Heute sind Sie zum vierten Mal verheiratet. Haben Sie bleibende Erkenntnisse
gewonnen?
Ich besitze leider keinerlei Weisheit über die Ehe. Ich
habe eigentlich nur eines zu der Beziehung zwischen Männern und Frauen zu
sagen: Das Ganze beruht auf unglaublichem Glück - das mir zuteil wurde.
Sie
hatten gleich vier Mal Glück?
Nein, ich war viermal glücklich, aber Glück hatte ich nur
einmal. Man muss die Liebe seines Lebens finden. Ich kann nicht für meine
bessere Hälfte sprechen, weil sie mir in diesen Dingen weit überlegen ist,
aber ich habe die Person gefunden, die mich vervollständigt und die ich
erstaunlicherweise vervollständige!
Es
geht also gar nicht darum, wie uns Beraterbücher weismachen wollen, eine
Beziehung zu gestalten, sondern bloß um Glück?
Nun, Teil der Gleichung ist in jedem Fall das Wesen des
anderen. Ich bin mit meiner Frau jetzt zwanzig Jahre verheiratet, und sie hat
noch nie etwas aus der Vergangenheit aufs Tapet gebracht. Sie hat noch nie
gesagt: „Immerzu bist du...", oder: "Immerzu machst du..." Das
Schlimmste, was passiert, wenn sie ärgerlich wird, ist dass sie still wird.
Sie sagt es nicht. Wenn ich anderen etwas antue, über das ich mich schäme,
brauche ich sie nur anzuschauen – und dann denke ich: Oh verdammt, das hätte
ich nicht tun sollen. Aber sie sagt nie etwas. Niemals. Ich fand das
interessant, also habe ich das auch probiert - einfach die Klappe halten,
wenn mir etwas nicht passt. Es ist erstaunlich, denn die Leute wissen nicht,
was man denkt. Ich liebe meine Frau sehr, und Streit gibt es sehr selten -
vielleicht zweimal im Jahr. Und dann halten wir einfach beide die Klappe.
Ihre
Frau, die amerikanische Fensehjournalistin Diane Sawyer, soll vor Jahrzehnten
eine Affäre mit Charlie Wilson gehabt haben...
Nein, das hat sie nicht. Sie ist mit ihm ausgegangen.
Und
wie war ihr Date?
Sie sagte, er ist verrückt. Er war betrunken, er saß im
Fonds seines Cabriolets und steuerte mit den Füßen. Er hatte die Hörner eines
Stiers auf die Stoßstangen montiert. Und sie dachte: Ich bin nicht die
Richtige hierfür. Diane war Miss Teenage America gewesen, oder Junior Miss,
oder was auch immer es war. Sie reiste mit ihrer kleinen Krone und ihrem
Zepter von Stadt zu Stadt, und sie wusste bereits, was Demütigung ist. Bei
Charlie Wilson dachte sie: Das kann ich nicht.
Gab
diese Anekdote den Ausschlag zum Film?
Nein, sie erzählte mir dies, als ich begann, mich mit
dem Stoff zu beschäftigen. Man sagt sich ja viele Dinge erst, wenn man muss.
Den Ausschlag gab Tom Hanks, der sich die Filmrechte an George Criles Charlie
Wilson-Biografie gesichert hatte. Wir sind enge Freunde, wir haben sogar
unsere Flitterwochen miteinander verbracht. Tom und seine Frau waren auf
Hochzeitsreise in St. Bart, und ich war auf meiner ersten Reise mit Diane und
meinen Kindern, um zu sehen, wie das funktionieren würde. Wie es der Zufall
wollte, logierten wir am selben Ort. Seither sind wir Freunde, und unsere
Hochzeitstage verbringen wir meist gemeinsam. Ich las also das Buch von
George Crile, ich las das Drehbuch von Aaron Sorkin, und dann traf ich
Charlie. Da war es um mich geschehen. Er ist ein echtes Original, ein
fantastischer Mann.
Inwiefern?
Das Ding
an Charlie Wilson ist: Er ist kein Bullshitter. Er
hat nie einen Hehl aus seinen Schwächen und Lastern gemacht, er ist total
spontan. Sämtliche Politiker, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe,
schleppen diese Zementblöcke herum, die sie vor sich hinstellen, egal, was
man sie fragt. Eine Ausnahme ist Kennedy, der zu Charlie, wenn auch nicht
viele, so doch einige Parallelen aufweist - die Frauen zum Beispiel. Charlie
Wilson und John F. Kennedy kommen nicht vom Band. Sie leben im Moment, sie
sagen andauernd Neues, und sie beantworten Fragen. Kennedy, Castro und Wilson sind die einzigen
Politiker, die ich kennengelernt habe, auf die das zutrifft. Heute ist es zu
schwierig, Politiker zu sein. Alles dreht sich um Umfragen, um
Geschäftsmodelle, um Grafiken. Sogar in der Filmindustrie ist das inzwischen
so! Politiker sind nicht spontan. Aber Charlie ist es. Ich weiß nicht, wie er
war, als er getrunken hat, was er inzwischen aufgegeben hat, aber er ist sehr
höflich und umsichtig, sehr sanft, und ohne Ende interessant.
Faszinierte
Sie eher der politische oder der menschliche Aspekt seiner Geschichte?
Es ist immer der menschliche Aspekt. Vermeintlich nicht
so vorbildliche oder wünschenswerte Eigenschaften bringen ja bisweilen die
besseren Qualitäten von Menschen zum Vorschein, und Charlie Wilson änderte
die Dinge. Abgesehen vielleicht von den Leuten, mit denen sich Marie
Antoinette umgab, haben wohl in der Geschichte noch nie so viele Leute
tatenlos dem aktuellen Geschehen zugeschaut. Alles, was wir heute tun, ist
uns eine Meinung zu bilden und diese anderen kundzutun.
Warum
können Politiker heute ihre Unzulänglichkeiten nicht mehr eingestehen?
Nun, Charlie hatte einen gewissen Vorteil: Er ist
männlich und weiß. Als ich neulich zu meiner Frau sagte, ich könne nicht die
Spur einer echten Überzeugung in Hillary erkennen, sagte sie: "Sie hat
keine Wahl. Sie ist eine Frau, die Präsidentin werden will, sie kann sich
nicht einen einzigen Fehler erlauben." Wir wissen von Thatcher und
anderen weiblichen Politikern dass die Hauptanforderung Stärke ist. Thatcher
war ja im Grunde ein Mann. Aber dann drehen wir den Spieß um und klagen, dass
sie nicht feminin genug sind.
Wie
zuletzt bei Angela Merkel?
Es ist hoffnungslos. Gertrude Stein sagte: Wenn man
etwas zum ersten Mal macht, ist es immer hässlich. Das macht es anderen sehr
leicht, daherzukommen und es vermeintlich aufzuhübschen, und ich vermute,
dass Angela Merkel zustimmen würde. Aber es ist heute überhaupt ungeheuer
schwierig, Politiker zu sein. Erinnern Sie sich noch an Howard Dean?
Den
Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, den vor vier Jahren sein
euphorischer Aufschrei bei einer öffentlichen Rede die Kandidatur kostete?
Ja. Der Mann hatte eine gute Chance auf den Job, aber er
wurde erledigt, weil irgendjemand das Mikrofon für das Publikum nicht
eingeschaltet hatte. Also konnten wir seine Zuhörer nicht jubeln hören, und
wussten nicht, dass er sie überschreien musste. Dean war weder irre noch
kreischte er. Ein Freund von mir, der kein Politiker ist, sondern ein
Filmstar, der in der Politik herumfuhrwerkt, stellt diese Frage bei jeder
Rede, die er hält, als erstes: Hat das Publikum ein Mikrofon? Denn wenn das
Publikum nicht am Mikro ist, sind deine Witze nicht komisch - niemand lacht!
Meinen
Sie, dass der Lauf der Geschichte eher von Glück oder Tüchtigkeit bestimmt
ist?
Ich glaube, alles ist Glück. Ich glaube, Glück ist
Gott. Haben Sie den Film „Water“ gesehen? Was für ein Film! Er spielt in
Indien in den Dreißiger Jahren und enthält die beste Rede, die ich je gehört
habe. Am Ende des Films gehen alle, um Gandhi sprechen zu hören. Tausende von
Menschen bevölkern den Bahnhof, und Gandhi erscheint, er sitzt im
Schneidersitz auf einem offenen Güterwagen. Er sagt: „Lange Zeit dachte ich,
Gott ist Liebe. Aber jetzt glaube ich, Liebe ist Gott. Ich hoffe, das hilft
euch ein wenig.“ Dann verschwindet er wieder im Zug und fährt zur nächsten
Stadt. Wieviel mehr kann man in einer Rede zum Ausdruck bringen? Der Mann war
wirklich gut in seinem Job! Aber mit dem Glück ist das so eine Sache. Nicht
nur ist alles Glück, sondern man weiß nicht einmal, welche Folgen ein
beliebiges Ereignis hat. Wenn wir unser Leben anschauen, müssen wir doch oft
zugeben, dass die schlimmsten Dinge, die uns je widerfahren sind, zu den
besten führten. Und umgekehrt. Willst du jemanden mit 17 oder 18 Jahren
zerstören, gib ihm eine Million Dollar – er wird ruiniert sein. Ich habe das
wieder und wieder bei Bekannten beobachtet: die besten Eltern der Welt, aber
sie machten einen Fehler - sie etablieren einen Treuhand-Fonds für Ihre
Kinder, und sobald die 21 werden und das Geld ihres ist, ist alles vorbei.
Geld
regiert ja längst auch die Filmwelt. Wie gehen Sie damit um?
Erinnern Sie sich noch an die guten alten Zeiten, als
Filme nach Ihrer Qualität beurteilt wurden? Heute dreht sich alles um ihr
Vermarktungspotenzial. Das ist wirklich schade, denn das sollte eigentlich an
zweiter Stelle kommen. Geld ist Geld, und in der echten Welt schafft eine
Investition normalerweise eine Rendite von 51 Prozent. Aber das reicht in der
Filmindustrie, wie sie heute strukturiert ist, vorne und hinten nicht.
Es
gibt auch noch andere Widerstände. Die texanische Societydame Joanne Herring,
die in Ihrem Film von Julia Roberts gespielt wird und die Charlie Wilson mit
dem damaligen pakistanischen Machthaber Zia Ul-Haq bekannt machte, soll
Schwierigkeiten mit Ihrem Film gehabt haben...
Sie wollte nicht, dass ihre Figur „fuck“ sagt. Joanne
Herring ist eine bibeltreue Christin. Also sagte sie nicht "fuck",
und wir überlebten.
Und
wie man hört, wollte Julia Roberts die Bikini-Szene nicht drehen...
Da haben Sie was Falsches gehört. Denn Julia Roberts
macht nichts, was sie nicht machen möchte. Sie machte sich Sorgen um die Szene,
weil sie zu diesem Zeitpunkt im vierten Monat schwanger war. Ich sage Ihnen,
wie das lief: Sie kam zu mir nach Hause und ging im Bikini in meinem Pool
schwimmen. Das sollte soviel heißen wie: Was hältst du davon? Nur, sie fragte
nicht, und ich kommentierte es nicht. Aber sie wusste, dass es okay war und
wir drehten die Szene. Man überredet Julia Roberts nicht zu etwas, was sie
nicht will. In "Closer" konnte sie ich nicht einmal dazu bewegen,
ihren nackten Rücken filmen zu lassen! Ich sagte: Ach komm schon, gib mir
eine Minute, bevor du deinen BH anziehst, es ist dein Rücken! Sie sagte okay,
aber kaum, dass die Kamera lief, war ihr BH geschlossen – so sehr ist sie
darauf bedacht, ihren Körper nicht zu zeigen. Und ich glaube, sie hat Recht
damit. Man wird nicht zu einem Filmstar vom Format einer Julia Roberts, indem
man seine Titten in die Kamera hält.
Dennoch
ließen Sie sie im Bikini auftreten. Warum?
Weil sie vielen Männern den Kopf verdreht. Und wen
wollten wir denn täuschen – was macht Julias Arsenal aus? Natürlich ihr
Aussehen! War das je anders?
Sie
haben in Ihrer über vierzigjährigen Filmkarriere mehr als ein Dutzend
Oscarpreisträger inszeniert. Wie macht man das?
Ich glaube nicht, dass es da einen Trick gibt. Ich
liebe Schauspieler, und ich bin sehr gut in der Auswahl von Schauspielern für
meine Filme. Das ist die halbe Miete, wenn nicht mehr. Ich sagen Ihnen was:
Wenn Sie Philip Seymour Hoffman haben, ist die Schlacht geschlagen. Hoffman
hat in Interviews gesagt, dass ich ihm helfe, aber ich kann mir nicht
vorstellen, was er damit meint. Okay, ich probe. Und ich gebe dem, was da
passiert, einen Namen: Diese Szene ist eine Verführung. Diese ist ein Kampf.
Diese ist eine Verhandlung. Aaron Sorkin sagt immer, er kann keine Szene
schreiben, solange er nicht ihren zentralen Konflikt sieht. Ich kann keine
Szene inszenieren, solange ich nicht weiß, worum es da geht! Als ich noch mit
Elaine May Improvisations-Comedy machte, sagte sie immer: "Im Zweifel:
Verführen!" Damit erschafft man jedesmal eine Szene.
Ist
es heute schwieriger als damals, die Leute zu schocken?
Es kommt drauf an. Worte sind verbraucht. Es sei denn,
ein großer Autor benutzt sie, dann haben sie noch Schockwert, und nicht
unbedingt mit Kraftausdrücken. In "Eines langen Tages Reise in die Nacht
" gibt es dieses Gespräch über die Vergangenheit, und Katherine Hepburn
sagt, bereits im Vollrausch: "Die Vergangenheit ist die Gegenwart, nicht
wahr? Und auch die Zukunft, oder?" Das ist viel schockierender als
"leck mich", das wir in "Wer hat Angst vor Virginia
Woolf" nicht benutzen durften, weil es zu schockierend war. Stellen Sie
sich das vor! Der wirkliche Schock ist doch, etwas auszusprechen, über das
man bisher nicht nachgedacht hat, das aber wahr ist.
Tom
Hanks sagte kürzlich, er höre die Leute schon sagen, ohne Charlie Wilson
hätte es den 11. September 2001 nicht gegeben...
Niemand kann in die Zukunft schauen. Deshalb sagen wir
ja im Film: "Wir werden sehen..." Denken Sie an den Vertrag von
Versailles nach dem Ersten Weltkrieg – wusste damals jemand, was dieser
Vertrag für Folgen haben würde? Natürlich kann man heute sagen, wenn sie nur
ein wenig großzügiger zu den Deutschen gewesen wären, wenn nur General
Marshall in Versailles gewesen wäre, wäre die Geschichte anders verlaufen und
die Welt eine andere. Aber wissen wir das? Ich glaube nicht. Unser Film dreht
sich um einen Krieg aus der Vergangenheit, und aus der Distanz kann man
diesen Krieg sehen - während man in dem Krieg, in dessen Mitte man sich
befindet, überhaupt nichts sehen kann. Man kann nur drüber streiten.
Aber
geht es in "Charlie Wilsons War" nicht auch indirekt um den Krieg,
in dessen Mitte sich die Amerikaner derzeit befinden?
Nur insofern, als der Ball immer noch im Spiel ist. „Wir
werden sehen“ bezieht sich natürlich auch auf die Gegenwart. Ich weiß nicht,
ob Filme irgendjemanden über irgend etwas unterrichten können, außer
vielleicht über innere Dinge, die unaussprechlich sind. Aber ich finde, es
ist wichtig, eines nicht zu vergessen: In all diesen Jahren, in denen wir
keine Hoffnung hatten, in diesen dunkelsten Tagen der Scham und Verzweiflung
darüber, was wir in der Welt anrichten, ist das Schlimmste bisher nicht
passiert. Wir machen Filme darüber, aber es ist, toi toi toi, noch nicht
geschehen. Heißt das also, dass sich das Schlimmste nicht immer ereignen
muss? Ich glaube schon. Das zumindest habe ich in meinem persönlichen Leben
erfahren. Wieder und wieder denkt man, mein Leben ist hiermit im Grunde
vorbei. Ohne dies und das bin ich erledigt. Nein, stimmt nicht. Ich glaube,
das gilt auch im großen Rahmen.
Auch
in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie rechnet man derzeit mit dem
Schlimmsten – der Absage der Oscars. Glauben Sie, dass es dazu komen könnte?
Ja! Ja! Das wäre toll! Ich bin total dafür. Die
Struktur dieser Veranstaltung ist vollkommen nutzlos. dieser große Wettbewerb
im Himmel, der noch größer ist als „American Idol“ und "Stars Dancing“
oder wie immer sie auch alle heißen. Alles ist nur noch ein Scheiß-Wettbewerb.
Stellen Sie sich vor, die Leute würden sagen: Himmel, dieser Händel muß ja
eine Kohle gescheffelt haben, seinen "Messias" haben sie in jeder
Kirche in allen deutschsprachigen und englischsprachigen Ländern gesungen!
Schade, dass es BMI damals noch nicht gab, sonst wäre er wohl der reichste
Komponist aller Zeiten! Nein, so funktioniert das nicht, wenn man etwas zu
schaffen versucht, das gut ist. Insofern ist mir alles, was diesen
lächerlichen und demütigenden Wettbewerbs-Idiotismus und diesen Vermarktungsrausch
zerschlägt, gut und willkommen.
Sie
haben immerhin selbst einen Oscar für "Die Reifeprüfung" daheim...
Es ist ein hohler Sieg. Um Mitternacht ist man wieder
im Hotel und fühlt sich leer. Nichts ist passiert. Angesichts unserer wilden
Begeisterungen für Wettbewerbe scheinen wir Schwierigkeiten zu haben, das zu
begreifen. Als würde einem ein Oscar den Weg in den Himmel ebnen! Es ist bloß
ein Preis, verliehen von einer Gewerkschaft!
Hat
man Sie eigentlich in den USA von Beginn an als Amerikaner akzeptiert?
Ich habe einen Freund, einen Russen, der ein paar
Wochen lang überlegte, ob er nach Frankreich oder in die USA emigrieren
sollte. Dann sagte er: Wenn ich nach Frankreich gehe, werde ich für den Rest
meines Lebens Russe sein. Wenn ich in die USA gehe, werde ich Amerikaner
sein. Und das ist noch immer das Beste, was wir zu bieten haben - neben all
den Dingen, auf die wir nicht besonders stolz sein können, ist dies eines,
auf das wir noch immer stolz sind. Und trotzdem entwickelt man so etwas wie
ein Flüchtlingsohr in den ersten paar Jahren: Wie macht man das hier? Beim
Baseballspielen heißt es: Du bist raus? Ich bin raus? Okay, tschüs. Dann
heißt es: Du bist wieder dran. Was? Ihr habt doch gesagt, ich sei draußen!
Man lernt neue Regeln.
Hat
Ihnen der frühe Blick des des Außenseiters in kreativer Hinsicht genutzt?
Ich glaube, dass das Außenseiter-Dasein mehr mit dem
Innern als dem Äußeren eines Menschen zu tun hat. Manche Menschen sind
geborene Außenseiter, und sie fühlen sich stets wie Außenseiter. Und es gibt
viele Motoren für kreative Energie. Aber die Rache ist sicherlich eine
verlässliche und starke und oft verwendete. Wut ist ein ungeheuer starker
Antrieb. Ich habe immer noch sehr viel davon. Ich habe mich entschlossen,
meinen Frieden damit zu machen, weil sie ein guter Antrieb ist und sie nie
versiegen wird. Einmal habe ich mit einem Psychiater darüber gesprochen. Ich
sagte: Hey, ich habe alles. Ich bin glücklich, ich liebe meine Frau, meine
Kinder sind wunderbare Menschen, ich habe Geld, ich bin frei - warum bin ich
so wütend? Er sagte nur: Sie werden diese Wut immer in sich tragen, die geht
nicht weg. Ich hatte das nie geahnt! Aber wenn sie nicht weggeht, kann ich
sie mir zumindest zunutze machen.
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