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Gib Stoff, Meister!
Der Modedesigner Dirk Schönberger gilt als große
Hoffnung der Branche. Als neuer Kreativchef bei Joop! soll er das zuletzt arg
konturlos gewordene Label zu neuen Höhen führen. Auf der Berliner Fashionweek
stellte er sich Anfang 2008 vor
Erschienen Januar 2008 in Spiegel Online
Text: Henrike Thomsen
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In der unterirdischen Halle
des Berliner Olympiastadions flackern Leuchtstehlen milchig weiß. Dazwischen
verläuft der Parcours, auf dessen Belebung auf der zweiten Berliner
Modewoche, offiziell Mercedes Fashion Week, alle mit größter Spannung gewartet
haben: Die Männer-Kollektion von Joop! aus der Hand des neuen
Kreativdirektors Dirk Schönberger.
So wie der Schriftsteller Rainald
Goetz einmal zum "abgesagtesten Künstler der Neunziger" erkoren
wurde, ehe er sein Comeback mit "Abfall für alle" und "Jeff
Koons" feierte, könnte man Joop! als das abgesagteste Modelabel seit
Beginn des Millenniums bezeichnen. Dessen Gründer Wolfgang Joop hatte die
Firma im Streit verlassen, die Marke behielt den Namen, aber sie verblasste
und war den meisten nur noch durch Parfums ("Rococo", "All
about Eve") geläufig. Statt eines starken Designers mit seiner prägenden
Vision verwässerten unterschiedliche Designteams mehrerer Lizenznehmer die
verschiedenen Bereiche, zwei Saisons lang verzichtete man gar auf den Stern jedes
Modeunternehmens - die Damenkollektion.
So kommt es, dass man mit Joop! zwar immer noch die poppigen Designs des
charismatischen Namensgebers aus den späten neunziger Jahren verband, aber
keine nennenswerten Fashion-Statements für die Zeit danach. Nun aber ist das
Label "akut euphorisiert", wie man wiederum mit Goetz sagen könnte:
Schönberger hat eine eigene starke Handschrift: Schnörkellos mit
ausgeklügelten Details und von subtiler Sexyness, wie das Zentralorgan der
Modepresse, die "Vogue" es beschreibt. Er ist ein Minimalist mit
Liebe zur klassischen Eleganz statt zu Knalligkeit, Trash,
Zeitgeist-Fetischismus oder übergroßer Intellektualität. Außerdem steht
Schönberger in dem Ruf, ein besonderes Händchen für Herrenmode zu haben, und
Joop! war stets auch eine starke Männermarke. Kurz, wer, wenn nicht Dirk
Schönberger, könnte es mit dem übermächtigen Schatten Wolfgang Joops
aufnehmen.
Mode im Vampir-Stil
Die Herren-Kollektion für Herbst/Winter 2008 ist die erste, die der vor
einem Jahr Berufene von Anfang an betreut hat. Sie sei "total aus mir
herausgekommen, mein erstes Baby", so Schönberger. Zuvor hat er eine
Damen-Kollektion unter der Leitung der Designerin Kathrin Hüsgen begleitet,
von "Vogue" und auch "Elle" hochgelobt.
Das allererste Schönberger-"Baby", das man auf der Show im
Olympiastadion zu Gesicht bekommt, ist ein junger Gentleman, von dem man
nicht sicher ist, ob er im nächsten Moment nicht mit spitzen Vampirzähnen
blecken wird. Denn der erste Auftritt eines Männermodels gehört einem schwarzen
Capemantel, wie ihn Graf Dracula auf dem Weg ins Theater im Londoner West End
nicht besser hätte tragen können. Es folgen Anzüge und Outfits, bestehend aus
Pullover und Hose, in Schwarz, Grau, zimtigem Violet, Olivgrün und gedecktem
Weiß - zum Ende der Show hin werden die Farben heller.
Schönberger variiert sein Thema sowohl farblich, als auch in den
Schnitten und Materialien: Ein schwarzer Mantel taucht opulent als
Fell-Version wieder auf, dann in Leder; die Farbe mancher Anzüge changiert in
Jacke und Hose. Mal ist die Knopfleiste eines Jacketts nach innen versetzt,
mal fällt das Jackett extra lang und weit bis auf die Oberschenkel. Einen
Hosenbund ziert eine schwarze Saumnaht auf Hüfthöhe, direkt über dem grauen
Tuch und der blassen Haut. Die große Mehrheit der Entwürfe ist körpernah
geschnitten, verleiht dem Körper sinnliche Präsenz, ohne ein Spektakel daraus
zu machen.
Im Leben angekommen
"Was ich bei Joop! toll finde, ist diese Leidenschaft und Emotion,
Sex-Appeal und Intelligenz, die so keine andere Marke hat", sagt
Schönberger nach der Schau. Man sitzt auf schwarzen Möbeln im Bauhaus-Design
und blickt durch die breite Glasfront des Raums auf das nächtliche Spielfeld.
Eine Großbildleinwand schwebt über dem grünen Rasen und den leeren Rängen, sie
zeigt die jüngsten Joop!-Kollektionen. Schönberger hat sich für die Marke
entschieden, obwohl er selbst am Ende nicht mehr viel mit ihr anfangen
könnte, wie er freimütig gesteht, "weil sie über die Jahre ein bisschen
führungslos war. Ich will nicht schlecht reden, was da gemacht wurde, aber es
passte nicht zusammen."
Der 41-jährige gebürtige Kölner machte als Assistent bei Dirk Bikkembergs
von den "Antwerpen Six", der avantgardistischen Designertruppe um
Dries Van Noten, und mit seinem eigenen Label, das jetzt ruht, seinen Weg. Er
zählte Rockstars wie Bono und Mick Jagger zu seinen Kunden, als sich Joop!
ihm antrug. Schönberger begriff das als Chance, dem ewigen Prädikat als
"neues Talent" zu entkommen. Und auch seine clevere Hommage an
Wolfgang Joop will nichts anderes, als dessen bestes Erbe als Ausgangspunkt
für den Relaunch zu nehmen: "Diese Lebhaftigkeit und Vitalität, weder
Sander noch Boss oder Strenesse können das", präzisiert Schönberger.
Tatsächlich hatte Hugo, die jugendliche Untermarke der Hugo-Boss-Familie
und die direkte Konkurrentin von Joop!, bei ihrer Schau tags zuvor (mehr...) ein deutlich
anderes Lebensgefühl angesprochen. Im Flughafen Tempelhof präsentierte Bruno Pieters,
auch er ein Newcomer aus der minimalistischen Antwerpener Schule, seine
Entwürfe für Herren und Damen. Pieters setzt mehr auf die Silhouette als auf
den Körper, seine Farbpalette ist streng in schwarz und grau. Jacken, Röcke
und Hosen schließen schmal und bündig ab, nur einige dicke gemütliche
Strickjacken mit Zopfmuster und in für seine Verhältnisse ausgelassenen
Dunkelblau-Tönen weichen von dem strengen Raster ab. Dünne Schlipse und
ähnliche Schnittmuster für beiderlei Geschlecht betonten das Androgyne.
Pieters sucht den Look für eine jüngere urbane Elite. Er artikuliert ihre
Dynamik und Entschlossenheit, sogar einen guten Schuss Aggressivität – die
Models wurden von harter, düsterer Techno-Musik in der Flughafenhalle über den
zentralen Laufsteg getrieben.
Im Vergleich dazu wirkt Schönbergers Stil gelassener
und selbstsicherer, weniger angestrengt, ohne ins Dandyhafte umzuschlagen.
Die er anspricht, sind bei sich und im Leben bereits weitgehend angekommen –
so wie er der Schau ein kurzes, fast romantisches Musik-Intro vorausschickte
und die Beats während der Vorführung heller und fröhlicher klangen. Dirk
Schönberger will Leute wie sich selbst ansprechen, "intelligent, sexy,
die mit beiden Beinen im Leben stehen, aber tatsächlich immer noch Forscher
sind." Das ist doch ein Anfang.
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