Nina Rehfeld                         Texte

 

 

 

Für 30 Millionen Dollar ins Weltall

 

Eric Anderson organisiert Weltraumreisen zur ISS - für 30 Millionen Dollar. Der Unternehmer aus Virginia rettete mit seiner exorbitanten Geschäftsidee nicht nur die russische Weltraumbehörde vor dem Kollaps, er hat inzwischen auch sechs zahlungswillige All-Touristen gefunden.

 

Erschienen in der Berliner Zeitung, Dezember 2007

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eric Anderson, 33, schickt mit seiner Firma Space Adventures superreiche Touristen ins Weltall

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Konferenzraum der Firma Space Adventures stehen zwei russische Weltraumanzüge, mit denen sich potenzielle Privat-Raumfahrer schon einmal vertraut machen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Erde als Plastikball und ein Modell der ISS machen bei Space Adventures Lust auf einen Ausflug ins All.

 

 

 

 

 

Fotos: Nina Rehfeld

 

Eric Anderson sammelt Raumanzüge. Wer durch die Glastür seiner Firma "Space Adventures" im zehnten Stock eines Bürogebäudes Washingtoner Vorort Vienna kommt, betritt ein regelrechtes Museum aus Raumfahrt-Devotionalien russischer Provenienz. Rechts des Empfangstresens hängt ein grauer Kampfjetanzug, links ein weißblauer Sokol-Anzug, wie er seit 1973 von den russischen Sojus-Besatzungen getragen wird. Und im Konferenzraum, ein paar Schritte links den Flur entlang, hängt vor einer riesigen Fensterfront, die den Blick auf eine verregnete sechspurige Straße in Vienna freigibt, auf einem fahrbaren Gestell das Schmuckstück der Firma: der Orlan-Anzug, ein voluminöser Weltraumdress mit allerlei Taschen und Laschen und einem goldschimmernden Visier, den russische Kosmonauten für Weltraumspaziergänge nutzen. 

 

Anderson verkauft mit seiner Firma Space Adventures seit 2001 Flugreisen an Bord der russischen Sojus-Raketen zur internationalen Raumstation ISS. Das Ticket für einen Platz in der Dreimann-Kabine kostet derzeit 30 Millionen Dollar. Man könnte Anderson als cleveren Profiteur der Nachwehen des Kalten Krieges bezeichnen. Oder als Retter der russischen Raumfahrt. Denn als Anderson Ende der Neunziger Jahre auf den Plan trat, konnte die russische Weltraumbehörde Roskosmos nicht einmal ihre Mitarbeiter bezahlen. Anderson machte ihr ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte. 

 

Eigentlich wollte der 33-Jährige, dessen rundliches Gesicht unter der zart beflaumten Stirnglatze die betont sachliche Mine eines Zollbeamten trägt, einst selbst Astronaut werden, aber eine avisierte Ausbildung zum Militärpiloten scheiterte an einem Augenfehler. Während seines Studium der Luft- und Raumfahrttechnik gebar er eine Idee, die außer ihm selbst fast alle für total verrückt hielten: Er würde Ausflüge ins Weltall zu einem kommerziellen Unternehmen machen. Fünf Menschen hat Anderson bereits ins All geschickt, derzeit trainiert mit dem Videospielpionier Richard Garriott der nächste Hobbyastronaut im kasachischen Baikonur für die sechste Mission, die für den 12. Oktober 2008 geplant ist. Auch Garriotts Kindheitswunsch, im Dienst der NASA das All zu bereisen, scheiterte an einer Sehschwäche. Und so arbeiten Garriott und Anderson seit acht Jahren gemeinsam daran, die militärischen Perfektionsansprüche der NASA zum Teufel zu schicken. Limitiertender Faktor ist bei ihnen nicht biologische, sondern finanzielle Unvollkommenheit. 30 Millionen Dollar kostet ein Ticket.

 

Anderson träumte bereits als Junge vom Weltall. "Ich gehöre zu der Generation, die dem 21. Jahrhundert entgegenfieberte", sagt Anderson. "Ich bin mit Star ,Raumschiff Enterprise´ und ,Star Wars´ aufgewachsen und verfolgte Carl Sagans Fernsehsendung über die Suche nach außerirdischem Leben. Ich träumte von einer nahen Zukunft, in der jedermann ins All reisen könnte." Doch wie sich herausstellte, hatte sich kurz vor der Jahrtausendwende gerade mal die Idee des Kommunikators – in Form des Handys – materialisiert. Teleportation, die Erkundung fremder Planeten und Warp-Geschwindigkeit waren weiterhin Zukunftsmusik. Und Weltraum-Reisen waren weiterhin hochausgebildeten Regierungsangestellten vorbehalten. "Hätte man im Juli 1969 einhundert Menschen auf der Straße gefragt, wieviele Privatleute wohl bis Ende 2008 im All gewesen sein werden", sagt Anderson mit mühsam verhohlener Enttäuschung, "wäre die Antwort bestimmt mehr als sechs gewesen."

 

Doch nach der Mondlandung 1968 und der großen Weltraum-Euphorie, die sie augelöst hatte, verlor das US-Weltraumprogramm mit der Einstellung des Apollo-Mondflugprogramms 1975 an Fahrt. Die Entwicklung des Space Shuttle konnte den Enthusiasmus nur vorübergehend wieder erwärmen - nach der Explosion der Raumfähre „Columbia“ 1986 machte sich engültig Desillusionierung im Hinblick auf die bemannte Raumfahrt breit.

 

Als Anderson 1997 mit der Idee auf den Plan trat, Privatleute ins All zu fliegen, erntete er daher vor allem spöttische Reaktionen. "Vielleicht war ich zu jung, zu kapieren, wie verrückt die Idee war", sagt er in sachlichem Tonfall. Doch Anderson ist beseelt von einem uramerikanischen Geschäftssinn. "Je öfter ich hörte, das sei aussichtslos, desto mehr fühlte ich mich bestärkt. Ein Unternehmen, das nicht als unmöglich betrachtet wird, ist schließlich nicht sehr innovativ." Gemeinsam mit zwei wohlhabenden Abenteurer-Unternehmern, Peter Diamandis und Mike McDowell gründete er 1998 Space Adventures. Diamandis ist der Initiator des sogenannten "X-Prize", der den Konstrukteuren des ersten privaten Raumfahrzeug in Aussicht gestellt wurde und der 2004 an den Microsoft-Mitbegründer Paul Allen und den Designer Burt Rutan für SpaceShipOne ging. McDowell ist ein australischer Abenteurer, der die Tiefsee als Touristenziel entwickelt hatte und zahlkräftige Kunden an Bord russischer U-Boote bis in über 5000 Meter Meerestiefe brachte.

 

Der Sci-Fi-Fan Anderson ging das Unternehmen "private Raumfahrt" aus ganz und gar bodenständiger Perspektive an: "Anstatt neue Raumfahrzeuge zu entwickeln, hatten wir vor, bestehende Transportmöglichkeiten nutzen", sagt er. "Andere hielten das für zu teuer, aber wir fanden es naheliegender, einen Markt für bereits existierende Möglichkeiten aufzutun, als selbst Raketen zu bauen." Nicht ohne Stolz weist Anderson daraufhin, dass die Konkurrenz "noch immer Jahre davon entfernt ist, Menschen ins All zu bringen." Tatsächlich will der britische Konkurrent Richard Branson mit seinem kürzlich vorgestellten SpaceShipTwo frühestens ab 2010 zahlende Passagiere - für vergleichsweise günstige 200 000 Dollar - an den Rand des Weltalls und zurück fliegen. 

 

Womöglich würde auch Anderson noch immer nach Mitflug-Gelegenheiten suchen, wenn ihm nicht der Lauf der Weltgeschichte in die Hände gespielt hätte. Denn es war der Zusammenbruch der Sowjetunion, die Andersons Science-Fiction-Träume Wirklichkeit werden ließ. Zunächst hatten Anderson und Garriott bei der NASA angefragt. Aber trotz Garriotts hervorragender Kontakte blitzen sie dort ab. "Ich kann der NASA das nicht verübeln", sagt Anderson heute. "Sie haben kein Fahrzeug für den Transport von Privatleuten. Ein Shuttleflug kostet mit zwei Milliarden Dollar das zehn-bis zwanzigfache eines Sojus-Flugs." Also rückte Roskosmos ins Blickfeld, die Weltraumbehörde der russichen Föderation, die nach dem Zerfall der Sowjetunion die Reste des sowjetischen Raumfahrtprogramms verwaltete. "Wir hatten schon verrücktes Glück", sagt Anderson mit einem leisen Lächeln, "dass die Sowjetunion kollabiert war und die russische Föderation dringend nach Möglichkeiten suchte, ihren Etat aufzustocken."

 

Anderson rechnete den Russen vor, wie das zu machen sei – mit einer von Garriott finanzierten Studie, die die Kosten eines Sojus-Touristenfluges und die Profitmargen skizzierte. "Die Russen", staunt Anderson, "legten ein kapitalistischeres Denken an den Tag als unsere eigenen Leute. Sie sagten: Hier ist ein Markt, wir können Geld verdienen – und wenn wir die Leute sicher rauf- und runterfliegen können, warum nicht?" Noch während man in Russland verhandelte, sprach Anderson in Los Angeles einen ehemaligen NASA-Mitarbeiter und Finanzier namens Dennis Tito als potentiellen Investor an. "Aber Tito", erinnert sich Anderson, "hatte kein Interesse, zu investieren. Er wollte selbst ins All fliegen. Und ich sagte: Das kann ich ermöglichen. Ich holte unsere Papiere hervor, und er war sprachlos." Binnen einer Woche war der 20-Millionen-Dollar-Vertrag zwischen Space Adventures, Dennis Tito und Roskosmos unter Dach und Fach, und noch vor Ablauf eines Jahres startete Tito an Bord der Sojus zur ISS. SpaceAdventures war im Weltraumtourismus-Geschäft.

 

Richard Garriott schaute damals von unten zu. Dabei wollte der Mann, der Anfang der Achtziger mit "Ultima" eines der ersten Video-Rollenspiele entwickelte und seither als feste Größe der Abenteuer-Spielewelt gilt, eigentlich der erste Tourist im Weltraum sein. Er hatte Ende 1992 seine Computerspiel-Firma Origin verkauft, "und ich fühlte mich finanziell gut gepolstert", wie er sagt, als 2001 die Dot-Com-Blase platzte. "Natürlich hatte ich all mein Geld an der Wall Street in Internetfirmen investiert. Ich musste mein Ticket also an Dennis Tito verkaufen. Das war bitter."

Auf Tito folgten vier weitere steinreiche Hobby-Astronauten, darunter 2006 die iranisch-amerikanische Unternehmerin Anousheh Ansari. Garriott baute unterdessen eine zweite Firma, Destinations, auf und programmierte Kult-Spiele wie "Tabula Rasa". Und jetzt ist er dran. Und weil er schon nicht der erste Tourist im All sein durfte, will er zumindest der erste Hobbyastronaut sein, der einen Weltraumspaziergang wagt. Für zusätzliche 15 Millionen Dollar hat Space Adventures einen Ausflug im Orlan-Anzug im Angebot, und Garriott hat die Extravaganz bereits gebucht. 

 

Der Orlan-Anzug ist ein fast 15 Kilogramm schweres Getüm aus Nylon, Plastik und Metall, die aussieht, als müsste sie die Ausmaße des Michelin-Mannes fassen. "Schlüpfen Sie ruhig mal rein!", sagt der freundliche Space-Adventures-Mitarbeiter, klappt das goldbeschichtete Sonnenvisier des Helms auf und dreht das schwerfällige weiße Montur um. Durch einen kühlschrankgroße Tür im Rucksackteil des Rückens steigt man etwas umständlich in den angeblich einzigen Spacewalk-Suit in US-Privatbesitz und fühlt sich ein wenig wie im sperrigen Kostüm eines antiken Science-Fiction-Films. Das Dröhnen des eigenen Atems überlagert die stark gedämpften Geräusche aus der Außenwelt, das Blickfeld ist ebenso ungemütlich begrenzt wie die Beweglichkeit. Um den eingeschränkten Aktionsradius des Kopfes zu erweitern, ist am linken Ärmel ein Spiegel zum Umschauen befestigt – auch wenn es ein kleiner Kraftakt, ist, die Arme zu heben oder die Finger zu bewegen. Aber im zehnten Stock des Bürogebäudes von Space Adventures herrscht ja auch 1 g, nicht die Schwerelosigkeit gut vierhundert Kilometer über der Erde, in der Richard Garriott diesen Anzug tragen wird - wenn die Umstände es erlauben.

 

Richard Garriott wuchs in dem NASA-Dorf Nassau Bay unweit von Houston auf. "Mein Vater war Astronaut, ebenso wie unser linker Nachbar und unser rechter Nachbar" erinnert sich Garriott, "und auch ggenüber auf der anderen Straßenseite wohnte einer. Wer in unserer Nachbarschaft nicht Astronaut war, arbeite als NASA-Ingenieur, und ich hielt es für eine Selbstverständlichkeit, das wir alle irgendwann ins All fliegen würden."

Als Owen Garriott 1973 das erste Mal auf der Skylab-Mission ins All flog, war Richard Garriott dreizehn. "Wir hatten dieses coole Batman-Telefon im Schlafzimmer", erzählt er, "Damit konnten wir direkt auf dem Skylab anrufen. Wenn ich bei den Hausarbeiten Schwierigkeiten hatte, klingelte ich einfach bei meinem Dad im Orbit durch!" Garriott strahlt. Damals, sagt er, sei ihm das ganz normal vorgekommen, aber im Rückblick wirke es viel größer, aufregender, fast phantastisch.

 

Doch bald dämmerte es dem jungen Richard, dass das Weltall eine veritable VIP-Zone war. Nur die Besten der Besten konnten hoffen, überhaupt in die engere Wahl für eine Mission zu kommen. "Mein Vater", sagt Garriott, "war ein fehlerfreies Exemplar, nicht nur im Hinblick auf seine Ausbildung, sondern auch aus medizinischer Sicht. Und die NASA hatte noch tausende weiterer solcher Leute in Reserve." Er selbst hörte noch als Kind von dem NASA-Arzt, der neben seinem Vater auch den Rest der Familie betreute, das vernichtende Urteil: "Augenfehler. Disqualifiziert." Und so wurde Garriott Junior nicht Astronaut, sondern Videospielprogrammierer. Sein erstes Spiel, das er in gerade Mal sechs Wochen noch zu Highschool-Zeiten entwickelt hatte, brachte ihm 150 000 Dollar ein – "ein vielfaches vom dem, was mein Vater als Astronaut verdiente", wie Garriott sagt. Er beschloss, auf einem Umweg doch noch Astronaut zu werden – indem er "fast jeden Dollar meiner Privatinvestionen in die Entwicklung der zivilen Raumfahrt steckte." Den Partner dafür fand er 2000 in Eric Anderson.

 

Garriott ist dreizehn Jahre älter als Anderson, aber trotz seiner graumelierten Haare wirkt er mit seinem jungenhaften Enthusiasmus eher wie fünfundzwanzig. Garriott trägt einen Abenteurerbart und zwei dünne, geflochtene Zöpfchen, die im Nacken seine ansonsten repräsentable Frisur unterlaufen, und unter seinem offenen Hemdkragen schimmert eine mäandernde Silberschlange. "Die habe ich geschmiedet, als ich elf war", sagt er und zieht das fast fingerbreite Schmuckstück an einer verschlusslosen Kette hervor. "Ich habe sie bisher nur zweimal abgenommen", sagt er. "Als mein Vater ins All flog, habe ich sie ihm mitgegeben. Sie war schon zweimal oben."

 

Garriott ist nicht nur in virtuellen Welten, sondern auch im echten Leben ein passionierter Entdeckungsreisender. Er ist bereits auf den Boden der Tiefsee getaucht, er hat die Antarktis auf der Suche nach Meteoriten durchmessen und ist mit einer MIG an die Grenze zum Weltall geflogen. Angst hat er keine. Gariott betrachtet Risiken aus mathematischer Perspektive. Auf den Mount Everest würde er nicht klettern, weil ihm das Risiko, dort zu sterben, mit zehn bis zwanzig Prozent zu hoch ist. Aber in der Obhut russischer Raktentechniker fühlt er sich sicher. "Ich bin in einem super-rationalen Haushalt aufgewachsen, wo es dauernd um Risikokalkulation und Wahrscheinlichkeiten ging", sagt Garriott, der seinen Vater als Kind "Spock" nannte – weil Owen Garriott auf Richards gespannte Frage: "Dad, wie war´s im Weltall?", mit der Nüchternheit des spitzohrigen Vulkaniers aus "Raumschiff Enterprise"antwortete: "Erwartungsgemäß. Das Unterwasserlabor im Training ist eine treffende Annäherung an die Bedingungen da oben."

 

Gefühlte Risiken sind für Richard Garriott irreführend: "Wenn Sie in einem New Yorker Taxi sitzen, dessen Fahrer doppelt so schnell fährt wie zulässig und sich wie ein Berserker durch den Verkehr fädelt, haben Sie vielleicht subjektiv den Eindruck, in Gefahr zu sein. Objektiv sind aber Ihre Chancen auf einen Unfall größer, wenn Sie brav angeschnallt in ihrem eigenen Auto sitzen und unterm Tempolimit durch die Stadt fahren – weil Sie sich sicher fühlen und deshalb weniger scharf aufpassen."

Als sein Vater im All war, habe sich niemand in der Familie die geringsten Sorgen gemacht – nicht einmal, als man um Haaresbreite eine Rettungsrakete zu ihm hinaufschicken musste, weil zwei der vier Antriebsdüsen des Kommandomoduls versagt hatten. "Wir hörten durch in unserem Haus installierte ,Schnatterboxen´ alle Funkkontakte zwischen Houston und der Raumstation mit", erzählt Garriott, "und es war ganz normal, dass Probleme eben gelöst wurden, wenn sie auftraten." Sorgen macht sich allenfalls seine Freundin Kelly, sagt Garriott. "Aber ich versichere ihr, dass die Fahrt zum Weltraumbahnhof der gefährlichste Teil meines Trips ist."

 

Aber Garriott ist kein Spock. "Mein Haus, meine Videospiele, meine Abenteuerexpeditionen sind alle von der Freude am Erkunden unbekannter Welten geprägt", sagt Garriott. Die Antarktis, sagt er, gehöre zu den schönsten Landschaften, die er je gesehen habe – "weil man in der kristallklaren Luft angesichts der bizarren Landschaften, die der Wind aus dem Eis formt, jedes Gefühl für Distanz und Größe verliert." Es sei, sagt Garriott, ein ähnlich verspieltes Glücksgefühl wie in der Schwerelosigkeit, die er bei sogenannten Parabelflügen erlebte –Flugmanöver, mit dem sich Schwerelosigkeit für einige Minuten herstellen lässt.

 

In seiner Heimatstadt Austin ist Richard Garriott berüchtigt für die Parties, die er auf seinem Anwesen nahe Austin in Texas zelebriert. Er bezeichnet sie als "große, interaktive Abenteuer". Das Gelände, das nach dem fiktiven Brittania in Garriotts Rollenspiel-Videogames den Namen Brittania Manor trägt, ist durchzogen von Geheimgängen und unterirdischen Katakomben, das schlossartige Gebäude besitzt drehbare Wänden und über mehrere Stockwerke verschiebbare Böden. Garriotts Halloween-Parties mit weitläufigen Gruselparcours sind Legende, und kürzlich versenkte er knapp einhundert Ehrengäste, darunter Austins Bürgermeister und seine Frau, auf einem zur "Titanic" umgebauten Barkasse in einem See. Nach dem Abendessen - in der ersten Klasse servierte Garriott Steak und Hummer, im Zwischendeck Schleimsuppe - ließ er eine weitere Barkasse in der Aufmachung eines Eisbergs seine "Titanic" rammen. "Wir hatten vier Rettungsboote an Bord, ausgelegt für je vier Mann", sagt Garriott, "aber wir hatten vorher ausprobiert, dass sie, wenn man sehr vorsichtig war, bis zu zehn aushielten, bevor sie kenterten." Wer es trockenen Fußes zum Ufer schaffte, galt als "Überlebender", wer nass wurde, zählte in einer eigens für die Party gedruckten Zeitungsausgabe zu den Opfern der "Katastrophe".

 

Dennoch fliegt Garriott nicht bloß zum spielerischem Vergnügen oder aus purer Abenteuerlust zur ISS. Er hat eine Mission: Unter Anleitung seines Vaters will er Experimente zur Proteinkristallisierung durchführen, die die kommerzielle Nutzbarkeit des Alls demonstrieren und Investoren aus der Wirtschaft locken soll. Seinen Ausflug ins All betrachtet er als eine Art Neuinszenierung des Forscherzeitalters. "Diese goldene Ära war geprägt von Expeditionen, die von wohlhabenden Privatleuten finanziert wurden", sagt Garriott, "und nicht bloß des schieren Ruhms wegen, sondern mit der Aussicht auf wissenschaftliche Entdeckungen oder das Aufspüren von anderen Werten, die die beträchtlichen Investitionen ammortisieren würden."

Garriott hofft also, den Weltraum als Investitionsarena für Privatunternehmen zu erschließen. 

 

Angesichts der Tatsache, dass sich die Kosten für Raktenflüge in absehbarer Zeit nicht verringern werden, ist diese Hoffnung ziemlich optimistisch. Während die Höhen, die der Raumgleiter von Richard Branson anpeilt, "mit einer beliebigen, druckdichten Aluminiumdose und einem Flugzeugmotor erreichbar ist", wie Garriott sagt, bedarf es zum Erreichen einer Erdumlaufbahn einer Geschwindigkeit von etwa 24 100 Stundenkilometer. Und es bedarf eines schweren Hitzeschildes, wenn man die Reibung der Atmosphäre zum Abbremsen dieser Geschwindigkeit nutzen will. Der Treibstoffbedarf für ein solches Unternehmen ist enorm. "Aber alternative Technologien zum Verlassen des irdischen Gravitationsfeldes wie Laserstrahlen oder Weltraumaufzüge", gesteht Garriott. "bleiben für die nächsten Jahrzehnte sicherlich Spekulation." Andererseits ist mit der ISS ein teures wissenschaftliches Labor in der Umlaufbahn, in dem verhältnismäßig wenige Hände tätig sind. Und das Interesse an der Nutzung Labor sei weltweit beträchtlich, sagt Garriott. Deshalb bezweifelt er nicht, dass die bemannte Raumfahrt einen ähnlichen Weg einschlagen wird wie die Satelliten-Wirtschaft: "Die ersten Satelliten wurden von Regierungen in die Umlaufbahn geschossen, aber inzwischen ist dieser Sektor fast völlig in privat-industrieller Hand." Garriott kann sich vorstellen, dass in ein paar Jahren Privatfirmen die Internationale Raumstation mit zusätzlichem Experimentalgerät ausstatten, eigene Raketen hinaufschicken oder gar selbst neue Module für die Station bauen.

 

Auf der polierten, tiefschwarzen Oberfläche des Konferenztischs im Büro von Space Adventures steht ein spindeliges, umzugskistengroßes Modell der ISS neben einer 50 Zentimeter große Version der Sojus-Rakete. Etwas abseits liegt ein leicht schlapper, aufblasbarer Erdball -  Sinnbild für Eric Andersons Blick auf die Dinge. Denn für ihn spiegeln sich im Weltraumtourismus nicht nur potenzielle Bedürfnisse, sondern existentielle Notwendigkeiten. "Die Erde", sagt er, "kann die Menschheit nicht über hunderttausende Jahre tragen." Plötzlich blitzt unter seiner geschäftsmännischen Gemessenheit der Science-Fiction-Fan auf: "Wir konnten bis heute hier leben und womöglich geht das noch ein paar Jahrzehnte, aber wir müssen uns von der Erde fortbewegen und den Weltraum kolonialisieren." Sein heimliches Lieblingsprojekt, sagt Anderson, sei der Abbau von wertvollen Metallen auf Meteoriten. "Ein durchschnittlicher Asteroid enthält Metalle von Milliardenwert. Diese Metalle könnten der Menschheit dazu verhelfen, eine multiplanetare Spezies zu werden." Auch Anderson, der mit einer Russin verheiratet ist und neben einer Stieftochter im Collegealter zwei weitere kleine Kinder hat, möchte eines Tages den Planeten verlassen.

 

Richard Garriott trainiert unterdessen im kasachischen Baikonur für den Abflug. Am meisten, sagt der Mann mit dem Hang zum kontrollierten Abenteuer, freue er sich aufs Überlebenstraining, "Übungsszenarien für eine missglückte Landung im Meer oder in entlegenen Gebieten." Und Eric Anderson arbeitet in seinem Büro über den Dächern von Vienna, Virginia, an der Erweiterung seines Reiseangebots. Als nächstes will er Touristen zum Mond schicken. 2011 wollen die Russen eine neue Sojus-Rakete starten, die Platz für einen Kommandanten und zwei Gäste bietet und den Mond umrunden soll. Ticketpreis: 100 Millionen Dollar pro Platz. Anderson verhandelt derzeit mit einem knappen Dutzend ernsthafter Interessenten. Und Anderson nimmt nicht jeden mit. 2003 schickte er den ehemaligen Boygroup-Sänger Lance Bass, der sich schon im Raumanzug hatte fotografieren lassen, nach Hause, weil sich die Sponsoren, die angeblich für den Flug aufkommen wollten, nicht blicken ließen. "Die Russen respektieren uns, weil wir die Sache ernst nehmen", sagt Anderson. Auch wenn die, wie er zugibt, immer noch darüber den Kopf schütteln, dass superreiche Amerikaner Millionen dafür hinblättern, mit ihnen ins All zu fliegen.

 

 

 

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