|
Szenenwechsel
Deutschsprachige Filmemacher erobern die USA - und immer öfter kommt Hollywood
nach Deutschland. Eine Erfolgsgeschichte
Erschienen im April 2008 in
der Berliner Zeitung
Text: Henrike Thomsen
|
Ein silberner Range Rover gleitet durch eine weite grüne Landschaft. Im Auto
spielt ein Ehepaar ein Ratespiel zu der klassischen Musik, die aus der Anlage
klingt. Er in weiten Hosen und Pullover, sie im kurzen Sommerkleid. Ein
Segelboot reist auf dem Anhänger mit, ein Schäferhund ist auch dabei. Das Tor
zum Ferienhaus am See öffnet sich auf Druck der Fernbedienung. Der Mann,
Georg, bringt als erstes seine stattliche Golfausrüstung hinein. Die Frau,
Anna, hat mit den Nachbarn ein Match verabredet. Doch es kommt anders: Aus
heiterem Himmel dringen zwei junge Typen in die Villa ein. Sie sehen wie
wohlerzogenen College-Studenten aus. Einer leiht sich einen Golfschläger, als
nächstes ist der Hund tot und die Familie in Angst.
Georg wird von Ulrich Mühe gespielt, Anna von Susanne Lothar, der Film
heißt "Funny Games". Elf Jahre nach dem Kinostart des in Österreich
gedrehten Originals hat der Regisseur Michael Haneke jetzt ein Remake seines
Films in den USA
gedreht. Nun spielt Tim Roth, der mit den Filmen von Quentin Tarantino
bekannt wurde, den George, und Naomi Watts, die in "Mulholland
Drive", "21 Gramm" und "King Kong" gespielt hat, ist
Ann.
Seit 19. März läuft der neue "Funny Games" in den USA,
am 29. Mai kommt er nach Deutschland. Der Kinostart ist ein Signal. Nicht
etwa für eine neue Debatte über Gewalt im Kino. Sondern für ein ganz anderes,
erfreuliches Phänomen: Die internationale Blüte des deutschsprachigen Kinos.
Am Freitag wurden in Berlin
die Deutschen Filmpreise verliehen. Unter den sechs besten Spielfilmen war
"Am Ende kommen Touristen" nominiert, ein stiller Film über einen
Jungen, der seinen Zivildienst in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers
Auschwitz absolviert. Regisseur Robert Thalheim hat den Film im Januar schon
in San Francisco
präsentiert. Vor allem in den USA
werden Filme aus Deutschland und Österreich immer beliebter. Allein drei
Auslandsoscars sind seit 2003 an deutsche Regisseure oder Produzenten
gegangen: An "Nirgendwo in Afrika" (Regie: Caroline Link; mit
Juliane Köhler), "Das Leben der Anderen" (Regie: Florian Henckel
von Donnersmarck; mit Ulrich Mühe, Sebastian Koch und Martina Gedeck) und in
diesem Jahr an "Die Fälscher" (Regie: Stefan Ruzowitzky; mit August
Diehl und Devid Striesow, eine österreichische Produktion, koproduziert vom
Studio Babelsberg).
Erfolgreiche deutsche Filme und Stoffe werden von Hollywood
aufgegriffen. Der Stauffenberg-Film "Valkyrie" mit Tom Cruise ist
das bekannteste Beispiel. Aber nicht nur das in Hollywood stets beliebte Nazi-Thema zieht.
Sandra Nettelbecks vielfach prämierter Film "Bella Martha", in dem
Martina Gedeck eine leidenschaftliche Köchin spielt, wurde im vergangenen
Jahr neu aufgelegt, diesmal mit Catherine Zeta-Jones in der Rolle der Martha.
Unter dem Titel "Rezept zum Verlieben" kam der Film auch in
deutsche Kinos. Inzwischen hat Nettelbeck ihren neuen Film "Helen"
gleich mit den US-Stars Ashley Judd und Goran Visnjic in Kanada gedreht.
Regisseure, Drehbuchautoren, Schauspieler, Produzenten und Studios
behaupten sich im Moment bestens gegenüber der Traumfabrik Hollywood. Ein
Hauch der großen Ufa-Zeiten liegt in der Luft. Damals, in den Zwanziger
Jahren, erhielt Emil Jannings als erster deutscher Schauspieler einen Oscar,
und Marlene Dietrich zog nach dem Erfolg des "Blauen Engel" nach Los Angeles. Regisseure
wie Josef von Sternberg, Fritz Lang und Fritz Murnau waren international
ebenso gefragt wie der Kameramann Karl Freund, der mit seiner
"entfesselten Kamera" Maßstäbe setzte. Schon in den Zwanziger
Jahren funktionierte der Austausch auch in umgekehrter Richtung: Ein
Revue-Girl namens Louise Brooks folgte dem Ruf des österreichischen
Regisseurs G.W. Pabst nach Deutschland, um als Lulu in "Die Büchse der
Pandora" einer der größten Stars ihrer Zeit zu werden. Die Ufa gründete mit dem
Hollywood-Riesen Metro Goldwyn Meyers einen gemeinsamen Verleih, was
allerdings bald zu Ungunsten der Deutschen ausging.
Dennoch profitiert das neu belebte Traditionsstudio Babelsberg immer noch
von dem Ruf der Zwanziger Jahre. Wenn sich Babelsberg-Vertreter in Hollywood vorstellen, heißt es dort schlicht: "THE
studio is here". DAS Studio ist hier. So, als gebe es kein anderes.
Soviel Anerkennung und Erfolg - aber die deutschen Filmemacher geben sich
bescheiden. Niemand will sich besonders euphorisch äußern. Film sei ein
zyklisches Geschäft, sagen sie. Es klingt, als hätten sie gerade einfach
Glück. An der Übermacht der Hollywood-Produktionen habe sich nichts geändert,
hört man. Tatsächlich führt Hollywood die Liste der größten Kassenerfolge
aller Zeiten unangefochten mit Filmen wie "Titanic" und
"Jurassic Park" an. Doch gab es in letzter Zeit auch manchen Flop:
"Basic Instinct 2" etwa oder der Schiffskatastrophenfilm
"Poseidon".
Oliver Mahrdt, der für German Films, die Vermarktungsgesellschaft des
deutschen Films in Amerika, arbeitet, hat den Markt analysiert, den er
erobern will. "Die großen Studios haben zunehmend Probleme, regelmäßig
den vollen Nenner zu treffen. Ein neuer Massenfilm findet nicht immer sein
Publikum. Kleinere Filme werden zu Trendsettern und trotzen sich größere
Margen ab. Von dieser Situation profitiert auch der deutsche Film in den USA",
sagt Mahrdt. Wenn man seine Zahlen studiert, begreift man die nüchterne
Stimmung in der US-Filmbranche. 92 Prozent des Kinos in den USA werden
von den großen Hollywoodstudios beherrscht, nur acht Prozent entfallen auf
den Independent-Bereich. Doch in diesem Rahmen hat sich der Anteil der
deutschen Filme seit 2003 verdoppelt. Auf zwei Prozent. Das klingt zwar nach
nicht viel, ist aber, wie Mahrdt sagt, "eine gewaltige Änderung zu
unseren Gunsten". "Das Leben der Anderen" führt die Hitliste
der erfolgreichsten US-Exporte an, gefolgt von "Das Boot",
"Nirgendwo in Afrika", "Der Untergang" und "Good
bye, Lenin!"
Amerika sei hungrig nach neuen Stoffen, sagt Oliver Mahrdt. Am Ende der
Bush-Ära könne man amerikanische Themen, patriotische Heldengeschichten nicht
mehr sehen. Die deutschen Filmemacher würden ihrerseits immer besser das
Erzählen lernen - die Kunst des US-Kinos, ein breites Publikum mit seinen
Geschichten zu fesseln. Schließlich hätten die deutschen Produktionen nicht
zuletzt dank der heimischen Filmförderung inzwischen einen anderen,
opulenteren Charakter. "Wenn früher ein Film für das deutsche Fernsehen
um 20.15 Uhr produziert wurde, war er eben direkt auf diesen Sendeplatz
zugeschnitten und sah danach aus. Heute können viele Filme, ob fürs Kino oder
Fernsehen, international mithalten", sagt Filmvermarkter Mahrdt.
Für die jüngste Annäherung gibt es aber auch ganz banale praktische
Gründe.
Etwa, dass deutsche Filmemacher zunehmend die USA als Produktionsland
entdecken. Sie drehen und schneiden direkt in Amerika, und wenn es gut läuft,
bringen sie den fertigen Film auch gleich in den internationalen Vertrieb.
Die USA
und auch Kanada locken seit einiger Zeit mit massiven finanziellen Anreizen
für Filmteams, außerdem ist der Dollar so billig wie nie. Andro Steinborn,
Geschäftsführer von X Filme International, hat das Remake von "Funny
Games" betreut. Er sagt, es wirke fast so, als ob Amerika "jetzt zu
einem Billigproduktionsland mutiert, so wie es früher Ungarn, Rumänien oder
Tschechien mit deren günstigen Studios, günstigen Crews waren".
So weit würde Debbie Elbin nicht gehen. Die New Yorkerin ist auf
Filmfinanzierung spezialisiert und hat lange als Produzentin für die TV- und
Kinoproduktionen Columbia Tristar-TV, Warner Brothers TV und Touchstone/Walt
Disney gearbeitet. Sie ist überzeugt: "Es ist die ideale Zeit, den Spieß
umzudrehen und Geschäftsideen in die entgegengesetzte Richtung zu denken, als
die, wie man sie seit langem im Kopf hat."
So kam es, dass Elbin und einige Kollegen im Februar auf der Berlinale
mithalfen, an dem Bild von der uneinnehmbaren Burg Hollywood zu kratzen. In Memphis, Tennessee,
zum Beispiel lässt es sich genauso gut drehen - für viel weniger Geld. Das
behaupteten zumindest die Leute am Stand der Mississippi-Stadt auf einer
Messe am Rande der Berlinale. Bisher ist Memphis nicht als Filmstadt bekannt,
sondern als Heimat von Elvis Presley. Eine Elvis-Plastikpuppe ließ am
Berlinale- Stand alle paar Minuten das Becken kreisen, dazu tönte ein etwas
dumpf klingendes Tonband.
Jüngst sei ein japanisches Filmteam in Memphis gewesen, um eine Reality-Show zu
drehen, in der Elvis' Geist mitspielt, erzählte die Frau, die den Stand
betreute. In Memphis,
sagte sie, sei für einen Dreh nichts unmöglich. Auch die Deutschen waren
bereits da: In Memphis entstand der RTL-Film "Todesstrafe - Ein
Deutscher hinter Gittern" mit Jan Josef Liefers und Claudia Michelsen,
produziert von der Berliner Produktionsfirma Teamworx.
Wer in Tennessee
dreht, erhält einen stattlichen Teil der Kosten zurück, die er vor Ort
ausgibt. Jede Produktion, die über ein Budget ab 500 000 Dollar (nach
aktuellem Umtauschkurs 312 000 Millionen Euro) verfügt, kann mit mindestens
dreizehn Prozent Rückerstattung rechnen. Für das Anheuern lokaler Crewmitglieder
und Schauspieler sowie für lokale Musiker und Musikstudios gibt es jeweils
zwei Prozent extra.
In vielen US-Bundesstaaten gibt es ähnliche Regelungen. "Wir haben
vierzig Staaten mit Filmfördergesetzen, und jeder hat eine Menge zu bieten. Massachusetts hat
großartige Städte und Strände. Man bekommt das Tropische in Hawaii
und Puerto Rico. New Mexico hat wunderschöne Wüsten",
sagt Debbie Elbin. Nicht nur aus finanziellen Gründen soll sich das Drehen in
den USA
lohnen. Aber auch: Es gebe zu den Traumlandschaften Rabatte und Steueranreize
von bis zu vierzig Prozent. Die Steuerrückzahlungen könne man zwar
normalerweise erst nach einem Jahr geltend machen. "Aber in Amerika gibt
es ja immer jemanden mit einem ausgeprägten Geschäftssinn", sagt Elbin. Dazu
zählt sie Makler, die Steueranrechte aufkaufen und den Produktionsfirmen
einen kleineren Prozentsatz, etwa achtzig Cent auf den Dollar, bar im Voraus
zahlen. Das macht die Sache für europäische Teams interessant. Sie können mit
dem Geld in der Tasche sofort anfangen zu drehen.
In Städten wie New York
war das Drehen bis vor kurzem noch ziemlich teuer. Mancher Filmemacher mit
wenig Geld für die Produktion beantragte daher lieber gar nicht erst eine
Drehgenehmigung, sondern schummelte sich mit Kamera und Darstellern ein. Doch
wer einfach so ein Hochhaus oder in der U-Bahn filmt, macht sich seit dem 11.
September 2001 schnell verdächtig. Als Jan Hendrik Stahlberg, Autor und
Hauptdarsteller des Roadmovies "Muxmäuschenstill" in Manhattan drehte,
verging kein Tag ohne Polizeivisite. Einmal wollte das Team in einem Hotel
drehen, konnte aber die 7 000 Dollar, die das kosten sollte, nicht
aufbringen. Da erbarmte sich der Chef des Hauses, weil er deutscher
Abstammung war. Bei einem anderen Gebäudemanager half ein Geldschein in die
Hand.
Doch auch im Umland von New
York gibt es preiswertere Alternativen. Kürzlich
drehten Robert de Niro und Al Pacino im Nachbarstaat Connecticut, in dem es jede Menge Rabatte
gibt, ihren neuen Film "Righteous Kill". Zwei Symbolfiguren des New
Yorker Films pendelten über die Grenze in Kleinstädte wie Norwalk
und Bridgeport.
Das alarmierte die New Yorker. Auf dem Schreibtisch des neuen Gouverneurs von
New York
State, David A. Paterson, lag der Zeitschrift "Variety" zufolge
Anfang April der unterschriftsreife Entwurf für ein neues
Filmförderungsprogramm. Paterson will, dass
sein Staat nicht hinter Connecticut zurück
steht und bietet nun Steuererstattungen für Filmemacher von bis zu dreißig
Prozent in New York State und fünfunddreißig Prozent in New York City an. In
Kalifornien hat es Gouverneur Arnold Schwarzenegger schwerer. Er unternahm
zwei vergebliche Anläufe zur Verabschiedung von Filmförderungsgesetzen. Das
politische Establishment glaubt dort an den Ruf des Staates und will seine
Drehorte nicht zu billig verkaufen.
Nico Hofmann, Chef der deutschen Produktionsfirma Teamworx, sagt:
"Geld allein macht nicht glücklich, wichtig ist, dass man ein gutes
Gefühl hat." Hofmann hat bereits achtmal in Afrika drehen lassen. Den
ARD-Film "Mogadischu" etwa über die Entführung des Flugzeugs "Landshut" hat
Teamworx komplett in Marokko produzieren lassen. Hofmann sagt, er schätze es,
mit einheimischem Personal zu arbeiten. Außerdem geht es ihm um die
Atmosphäre, die bei Drehs im Ausland entsteht, vor allem an Originalschauplätzen.
Zuletzt hat Hofmann den ZDF-Zweiteiler "Liebe und Tod in Chile" mit Hannelore Elsner und Franco
Nero vor Ort in Chile
gedreht. "Liebe und Tod in Chile" ist zwar kein
politischer Film, aber er spielt in der Zeit des Militärputsches 1973.
Hofmann erzählt von dem Tag, an dem sie eine Szene mit einer Chilenin
drehten, die ein Lied des Nationaldichters Pablo Neruda sang. Plötzlich
standen den Chilenen am Set die Tränen in den Augen. Solche Momente prägen
die Atmosphäre eines Films. Filme gewinnen ihre Ästhetik durch Schauplätze,
Darsteller und auch durch die Drehteams. Hofmann sieht das als Vorteil:
"Es ist entscheidend, dass die Filme im Look und in der Kameraführung
dem amerikanischen Markt standhalten und nicht sofort als ein spießiges deutsches
Produkt erkannt werden, das aussieht wie ein Fernsehspiel von 1980",
sagt er.
Bei solchen Aussagen melden sich erwartungsgemäß Kritiker. Kulturelle
Unterschiede würden zerstört, dem amerikanischen Mainstream zugearbeitet,
sagen sie. Andro Steinborn von X Filme sagt, er frage sich, was es bringt,
wenn deutsche Filmemacher plötzlich die im US-Kino gängigen Genres wie
Melodram, Thriller und romantische Komödie bedienen. "Das hat kaum etwas
mit unserer Mentalität, Herkunft, unseren Assoziationen zu tun", sagt
er.
Die jüngste Erfolgsgeschichte des deutschen Films in den USA zeigt
aber eher das Gegenteil. Regisseure und Produzenten nutzen die Situation für
sich, ohne ihre Identität zu verleugnen. Für das Remake von "Funny
Games" wiederholte Michael Haneke das Original mit den genau gleichen
Einstellungen und Dialogen, nur eben mit George und Ann in Amerika, statt mit
Georg und Anna in Österreich.
Ein Problem beim Dreh in den USA sind eher die Unterschiede in
der Geschäfts- und Arbeitskultur. In Hollywood
versichert man zwar seit dem Streik der Drehbuchautoren, die Gewerkschaften
seien zahm wie nie. Doch je nach Höhe des Budgets ist von den Gewerkschaften
genau festgelegt, wie viele Mitarbeiter eine Filmproduktion beschäftigen
muss. In Europa arbeitet ein Kamera-Assistent oft auch als Fahrer,
Kabelträger und wenn nötig sogar als Statist. Filme gelten hier als
Kulturprodukt - da darf es auch Aufopferung und Selbstausbeutung geben. In
der Business-Mentalität der USA
ist das undenkbar. Dort muss man für jede
einzelne Aufgabe eine Arbeitskraft beschäftigen. Die Teams sind erheblich
größer. "Man muss in einer Größenordnung am Set arbeiten, die bei uns
vollkommen unvorstellbar ist", sagt X Filme-Chef Steinborn. "Für
einen europäischen Regisseur ist das sehr anstrengend."
Ein wenig anstrengend kann auch die Einstellung der Arbeiter sein. Eines
Morgens sollte beim amerikanischen "Funny Games"-Dreh eine Szene
mit einem Segelboot gedreht werden, aber der Wind war zu stark. Alle
warteten, dass die Brise abflaute. Als es so weit war, hatte aber gerade die
Mittagspause begonnen, und nun rührte sich keine Hand mehr, die Segel zu
setzen. "Die europäischen Crewmitglieder sagten: Wir drehen das jetzt,
das kann doch nicht wahr sein!", sagt Steinborn. Egal. Wenn die vorgeschriebene
Pausenzeit nicht exakt eingehalten wird, werden Strafzahlungen fällig.
Die Gewerkschaften legen sogar fest, wo das Filmteam sein Mittagessen zu
sich zu nehmen hat. Und wenn dieser Ort dreißig Kilometer vom Set entfernt
ist, weil die Fahrer-Gewerkschaft auch etwas für ihre Klientel tun will,
müssen eben zusätzliche Busse organisiert werden.
Durch solche Auflagen und Interventionen gehen die Produktionskosten
schnell in die Höhe, sagt die Produzentin Judy Tossell. Sie hat Sandra
Nettelbecks "Helen" in Vancouver
betreut und die kulturelle Vertrautheit in Deutschland dabei schätzen
gelernt. "Wenn es passt, würde ich wieder in Kanada arbeiten, aber es
wäre nicht meine erste Wahl. In Deutschland kennen wir uns besser aus, hier
ist es kontrollierbarer", sagt sie.
Auch X Filme-Chef Andro Steinborn sagt: "Immer lieber in
Deutschland." Nico Hofmann von Teamworx dagegen sagt, er freue sich ohne
wenn und aber über die "unglaubliche Öffnung zur Welt".
Wenn man einen Film international vermarkten will, geht das sowieso nicht
ohne die USA.
Da ist es für die deutschen Filmemacher praktisch, wenn sie während ihrer
Dreharbeiten in Amerika gleich Kontakte knüpfen können. Das ist umso
leichter, wenn man mit Stars wie Naomi Watts und Ashley Judd arbeitet. Das
Remake von "Funny Games" wurde noch vor Produktionsbeginn von
Warner Independent ins Verleih-Programm genommen. Sandra Nettelbecks
"Helen" soll auf den Filmfestivals von Venedig und Toronto starten. Festivals sind die
wichtigste Kontaktbörse der Branche.
Nico Hofmann versuchte schon von Berlin aus stets, seine aufwändig
produzierten Zeitgeschichts-Mehrteiler auf den großen Festivals zu
platzieren. "Das beste Beispiel war 'Der Tunnel', der 2001 den
Publikumspreis in Montreal
gewann. Das hat die ganzen Verleih-Kontakte in Nordamerika geöffnet, bis hin
zu Remake-Verkäufen", sagt er. Jüngst hat seine Firma Teamworx mit der
britischen BBC einen Fernsehfilm über die Brandkatastrophe des griechischen
Luxusdampfers "Lakonia" 1963 vereinbart. Er hofft, dass der amerikanische
Sender HBO bei dem Projekt mit einsteigt und er eine britisch-amerikanische
Besetzung bekommt, sagt Hofmann.
Dass gleich neben der deutschsprachigen Version auch eine
englischsprachige gedreht wird, ist auch bei großen Produktionen mit nur
deutschen Schauspielern schon seit längerem die Regel. So kamen "Der
Tunnel", "Dresden"
und viele andere TV- und Kinofilme von vornherein auch international auf den
Markt. Im Hotelfernsehen in Singapur sieht man dann, wie sich Heiner
Lauterbach und Marie Bäumer durch die Bombardierung von Dresden kämpfen und
dabei Englisch reden.
Ende Februar sind die Vorstandschefs des Filmstudios Babelsberg, Carl L.
Woebcken und Christoph Fisser, nach Los
Angeles gereist. Dort
wurde der Oscar für den besten ausländischen Film an den von ihnen
mitproduzierten Film "Die Fälscher" verliehen. Die Auszeichnung war
der perfekte Abschluss für 2007 - das bisher beste Geschäftsjahr des Studios.
Mit mehr als fünf Millionen Euro Gewinn, auch dank Großproduktionen aus Hollywood, an denen in Brandenburg gearbeitet wurde, wie
"Speed Racer" und "Valkyrie". Ähnlich wie die Amerikaner
lockt das Studio Babelsberg Großprojekte wie diese mit finanziellen Anreizen.
Seit 2007 bekommen Produktionen zwanzig Prozent ihrer Kosten aus dem neuen Filmförderfonds
erstattet, wenn sie mindestens fünfundzwanzig Prozent ihres Budgets in
Deutschland ausgeben.
Doch Woebcken und Fisser waren auch aus einem anderem Grund nach Hollywood gekommen. Der amerikanische Kapitalmarkt ist in
der Krise. US-Hedgefonds ziehen sich aus Kinofilmproduktionen zurück. Und die
großen US-Studios suchen nach neuen Geldgebern. Die Babelsberger sehen die
Chance für einen Einstieg in dieses Geschäft, zumal die Renditeerwartungen an
die Filme weiter hoch sind.
Es sieht so aus, als könnte Babelsberg bald mit deutschem Kapital
Hollywoodproduktionen finanzieren und gleichzeitig weiterhin lukrative Drehs
ins eigene Studio holen.
|