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Auf lange Sicht nur ein Nadelstich
Ein Gespräch mit dem Filmregisseur Woody Allen über die
Terroranschläge auf New York, die Liebe, über Diven in Hollywood und eine
heimlich ersehnte Karriere als Verbrecher.
Erschienen in der ZÜRICHER SONNTAGSZEITUNG,
September 2001
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Mr. Allen, Sie waren vergangene Woche selbst in New York, als
die beiden gekaperten Flugzeuge das World Trade
Center attackierten.
Wie haben Sie die Ereignisse wahrgenommen?
Es war ein Alptraum. Es war
eine furchtbare und völlig sinnlose Tat. Die Täter haben 5000 Menschen,
Amerikaner, Engländer, Chinesen, Mexikaner, Christen, Juden, Moslems
umgebracht – ohne Unterscheidung auf grausamste Weise umgebracht, und mit
welchem Nutzen? Ich möchte wirklich wissen, welches Ziel die Menschen, die
dies geplant und ausgeführt haben, verfolgten. Niemand hat etwas dabei
gewonnen – kein unterdrücktes Volk hat Befreiung erlangt, keine Religion ist
hierbei zu Ehren gekommen.
Aber der internationale Terrorismus hat ein erschreckendes
Gesicht gezeigt.
Warum... was hat diese
Leute so stumpf, so gefühllos gemacht? Was ist passiert, dass sie das Leben
so wahrnehmen, dass sie solch furchtbaren, extremen Maßnahmen bereit sind?
Wenn es ihnen nur um unbändigen Hass geht, würde ich sie als albernes Volk
bezeichnen – dann lassen sie einem keine Wahl, als nach dem Motto vorzugehen:
Töte, oder werde selbst getötet.
Haben Sie selbst eine politische Erklärung für die
Geschehnisse?
Wenn es diesen Leuten um
nichts anderes geht, als Menschen umzubringen, dann steht man dem Ganzen
wirklich hilflos gegenüber. Aber ich glaube nicht, dass das alles ist, ich
vermute, es ist weitaus komplizierter, und entsprechend muss man auch damit
umgehen. Amerika und die ganze Welt muss sich bereithalten, mit allem
Nachdruck zu reagieren, aber auch zu verstehen, und in der Lage zu sein, dies
mit aller Gründlichkeit zu untersuchen. Wir müssen uns dem als einem
hochkomplexen Problem stellen, und dürfen nicht als verletzte, wütende
Vereinigte Staaten auftreten. Wir sind ein viel zu großes und mächtiges Land,
und die Welt fasst dies nicht nur als Bedrohung für New York oder die Vereinigten Staaten auf,
sondern für menschliche Werte allgemein. Niemand will den sinnlosen Tod
tausender Menschen ohne jedwedes Ziel. Das ist Wahnsinn.
Die intellektuelle Debatte steht momentan hinter den überschwänglichen
Patriotismus-Demonstrationen und Kraftbeteuerungen hintan. Halten Sie das für
gefährlich?
Ja, sehr sogar. Ich halte
es für nötig, dass Amerika auf diese Anschläge reagiert, denn diese Taten
fordern eine Reaktion ohne Frage heraus. Aber diese Reaktion muss sehr, sehr
genau überlegt sein. Es wäre ein Fehler, sich auf eine emotionale, von
Rachegelüsten geleitete Antwort zu verlegen. Es ist sehr wichtig, dass wir alles
daran setzen, die Verantwortlichen zu finden, weil dies ein so furchtbares
Verbrechen ist, aber ich glaube keineswegs, dass das Problem des Terrorismus
ein einfaches ist. Es erfordert eine hochkomplexe Auseinandersetzung mit der
ganzen Sache. Hier geht es um internationale Kooperationen, den Schutz der
Zivilrechte, aber auch militärische Belange - wobei ich zutiefst hoffe, dass
das Militär in minimalem Umfang und nur, wenn es definitiv keine anderen
Möglichkeiten gibt, zum Einsatz kommt.
Macht Ihnen die Figur des amerikanischen Präsidenten Bush zu
schaffen, wenn Sie sich die Konsequenzen ausmalen?
Die amerikanische
Regierung besteht aus sehr viel mehr Leuten als nur aus Bush. Ich glaube
nicht, dass eine Einzelperson das Schicksal dieser Sache entscheiden kann.
Sie vertrauen Ihrem Präsidenten also?
Ich bin zumindest
hoffnungsvoll gestimmt.
Welche Konsequenzen werden sich aus diesen Ereignissen für Hollywood und auch für Sie als Filmemacher ergeben?
Ich sehe da überhaupt
keine Konsequenzen. Denn die Wahrheit ist, auch wenn dies ein horrendes
Ereignis ist und 5000 Menschen ihr Leben ließen, ist dies auf lange Sicht
wenig mehr als ein Nadelstich. Amerika ist ein gigantisches Land mit
hunderten Millionen von Einwohnern, eine Supermacht, doch wie furchtbar auch
immer dies Ereignis sein mag – es wird die wird die Flughafensicherheit
betreffen, aber die Art, wie wir Musik, Theaterstücke oder Filme schreiben,
wird es nicht verändern können.
Sie selbst bringen Ende Dezember mit „The Curse of the Jade
Scorpion“ eine überdrehte Kriminalkomödie ins Kino, die – wo sonst – im New York der Vierziger
spielt. Stimmt es eigentlich, dass Sie selbst für Komödien nicht viel übrig
haben?
Nein, das wird immer
falsch verstanden. Ich liebe Komödien, aber meinen persönlichen Favoriten im
sowohl Theater als auch im Kino waren immer eher ernsthafte Stücke. Ich liebe
die Marx Brothers, ich verehre Charlie Chaplin, Ernst Lubitsch und Billy
Wilder. Aber meine absoluten Favoriten sind Eugene O´Neal, Ingmar Bergman, Tennessee
Williams. Daraus entsteht das Missverständnis: Ich mag Komödien, aber anderes
mag ich noch lieber.
Sie sind mit Ihren Filmen zum Inbegriff des neurotischen
Couch-Patienten geworden, und in Ihrem neuesten Film werden Sie nun unter dem
Einfluss von Hypnose zur höchst gepaltenen Persönlichkeit. Haben Sie sich
tatsächlich je hypnotisieren lassen?
Nein, ich habe mich nie hypnotisieren
lassen, und ich glaube auch nicht, dass das bei mir funktionieren würde.
Vermutlich würde ich viel zu sehr lachen müssen, wenn es jemand veruchte. Die
Idee zum Film kam mir eines Tages in New
York auf der Straße. Ich dachte: Ein Polizist, der
unter Hypnose zum Kriminellen wird und sich sozusagen selbst jagen muss, wäre
eine interessante und komische Geschichte. Ich wollte immer schon einen Film
um einen Mann und eine Frau machen, die sich nicht ausstehen können, die sich
den ganzen Film hindurch beleidigen, und am Ende doch zusammengekommen. Ich
bin mit solchen Filmen aufgewachsen und fand sie wunderbar komisch. Das
einzige Problem war, als klar wurde, dass ich die männliche Hauptrolle
spielen würde, konnte es kein Polizist mehr sein. Kein Mensch würde glauben,
dass ich ein New Yorker Polizist bin (lacht). Die New Yorker Polizei hat ziemlich rigide physische Ansprüche an ihre
Anwärter, für die ich mich
in keinster Weise qualifiziere. Also machte ich einen Versicherungsbeamten
draus.
Es heißt, aus demselben Grund hätten Sie in Ihrer Jugend
einen Karriere als Krimineller in Erwägung gezogen – weil man Sie bei der
Polizei nicht nehmen würde...
Das stimmt. Als ich ein
junger Mann war, gingen alle meine Freunde
aufs College,
um Ärzte und Anwälte und Manager zu werden. All diese langweiligen Berufe
interessierten mich
überhaupt nicht. Ich hatte keine Ahnung, was aus mir werden sollte, und als
eine Möglichkeit schälte sich schließlich ein Leben in der Illegalität
heraus, was zumindest interessant sein würde. Zuerst dachte ich darüber nach,
ein Spieler zu werden und Geld mit Karten- und Würfelspielen zu verdienen.
Dann dachte ich über ein Dasein als Falschspieler nach, und schließlich
überlegte ich: Wie wär´s mit einem Leben als veritabler Krimineller, mit
Überfällen und allem drum und dran....
Schwer vorzustellen, dass ausgerechnet Sie die Nerven dazu
gehabt hätten.
Ich bin mir nicht sicher.
Aber tatsächlich habe ich sogar darüber nachgedacht, zum FBI zu gehen, weil
ich mich
nach einem aufregenden Leben sehnte. Und ich behaupte, ich wäre ein
hervorragender Falschspieler geworden. Ich war schon als Junge ein begabter
Amateurzauberer, und ich bin bis heute ziemlich fix mit einem Kartendeck in
der Hand...
Was hat Sie schließlich davon abgehalten, Verbrecher zu
werden?
Ich entdeckte, dass ich
Witze schreiben konnte, und man bezahlte mich dafür. Eine ganz neue Welt eröffnete
sich. Ich schrieb ein paar Witze und verkaufte sie, und seither habe ich das
beruflich gemacht. Man hat mich
direkt nach der Schule angestellt, um für Radio- und Fernsehshows zu
schreiben, und alles andere verschwand in den Bereich der Fantasie. Aber
diese Fähigkeit hat tasächlich mein Leben verändert. Vermutlich wäre ich auch
sonst kein FBI-Agent oder Verbrecher gewoden, sondern würde in irgendeinem
mittelmäßigen Langweiler-Job versauern
Verglichen mit Hollywood
bezahlen Sie Ihren Schauspielern ein bloßes Almosen. Wie schaffen Sie es dennoch
immer wieder, Superstars vor die Kamera zu holen?
Wir haben nicht viel
Geld, und auch Leuten, die fünf, zehn oder 20 Millionen Dollar pro Film
fordern, können wir nur 5000 Dollar pro Woche bezahlen. Wenn wir zehn Wochen
drehen, kommen 50 000 Dollar zusammen, mehr nicht. Aber dies sind ja Leute,
die sonst so viel verdienen, dass sie es nicht wegen des Verdienstes zu tun
brauchen. Wenn sie die Figur mögen, und an keinem anderen Projekt arbeiten,
könnte es klappen. Wenn ihnen natürlich zeitgleich jemand anderes 10
Millionen bietet, wird es schwierig.
Sie glauben wohl nicht an die Überzeugungskraft Ihrer eigenen
Legende?
Nein. Ich glaube daran,
dass sie es lesen sollten. Wäre ja
auch merkwürdig, wenn ich hinginge und sagte: Ich hab hier was, und übrigens
bin ich eine Legende, mehr brauchen wir wohl nicht zu besprechen. Nein, es
gibt durchaus Leute, von denen ich Absagen bekomme – entweder, weil sie
gerade mit Spielberg oder Scorsese arbeiten, oder weil ihnen die Rolle nicht
gefällt.
Oder weil sie
sich unterbezahlt fühlen?
Ist auch schon vorgekommen. Jack Nicholson besteht auf seine Millionen,
Dustin Hoffman weigert sich, unter seinem gewohnten Honorar zu arbeiten,
ebenso wie Robert de Niro. Es sind interessanterweise meist Männer. Es
kursiert ja die Theorie dass Männer die Schauspielerei immer noch als
irgendwie gewichtslosen, vielleicht sogar weibischen Beruf betrachten,
während Frauen das völlig normal und wunderbar finden. Die Männer haben
dagegen ein machistisches Bedürfnis nach Selbstbestätigung. Sie bestehen auf
lauter merkwürdigen Dinge, die den Frauen nicht mal in den Sinn kämen. Die
Frauen kommen freundlich und fröhlich an und haben mit nichts ein Problem,
aber die Männer wollen unbedingt den größten Wohnwagen, ein Privatflugzeug,
Millionengagen – Dinge eben, die den maskulinen Status unterstreichen. Wenn
ich Schwierigkeiten habe, dann zumeist mit Männern. Und ich habe auch schon
von Leuten gehört, die einfach mit mir arbeiten wollen – Jodie Foster zum
Beispiel schickte ich ein Skript, sie fand es wunderbar und kam, und alles
war gut. Aber die Männer lesen das Skript, und dann kommen sie an und wollen
über ihr Honorar verhandeln. Was soll ich da noch sagen? Sie verlangen mehr
Geld, als ich für einen ganzen Film je zur Verfügung haben werde!
In den USA,
laufen Ihre Filme eher unter ferner liefen, während sie in Europa große
Erfolge feiern. Sind Sie Ihren Landsleuten
zu intellektuell?
Ich habe verschiedene
Erklärungen dafür. Eine ist, dass die Leute einfach ein Faible für
importierte Güter haben. Deshalb lieben die Amerikaner französischen Wein,
Schweizer Käse und deutsche Autos. Die Dinge bekommen die Aura des
Besonderen, wenn sie aus einem fremden
Land stammen. Außerdem:
Wenn man meine Filme in anderen Sprachen sieht, sind die Fehler nicht so offensichtlich.
Sie gewinnen in der Übersetzung. Als ich das erste Mal einen synchronisierten
Film von mir sah, war ich entsetzt. Aber die fremden Stimmen haben viel
größere Erfolg als meine eigene – offenbar passiert da also was Gutes.
Wie so oft in Ihren Filmen steht auch in „The Curse of the
Jade Corpion“ wieder eine wunderbar komische Liebesgeschichte im Mittelpunkt.
Was genau bedeutet Liebe für Sie?
Liebe? Sie ist eine
schöne Sache, aber man muss totales Glück damit haben. Mann kann nicht
ausgehen, damit man die Liebe
seines Lebens trifft, und ebenso absurd ist es, Menschen davon reden zu
hören, wie sie an ihrer Beziehung arbeiten. Ich glaube nicht, dass man daran
arbeiten kann. Es ist wie mit allen Dingen des Lebens, aus denen man Wonne
schöpft – daran kann man nicht arbeiten.
Liebe als reines Schicksal?
Es ist reines Glück. Wenn
einer ein Boot kauft, und seine ganze Zeit mit diesem Boot verbringt, jede
freie Minute, um es zu lackieren und daran zu arbeiten – das ist reine Wonne.
Aber wenn man daran arbeiten muss, wenn es eine Pflicht wird, dann
funktioniert es nicht mehr. Dasselbe gilt für Beziehungen. Manchmal hat man
Glück. Zwei Menschen treffen sich, und jedes kleine Detail stimmt. Aber das
ist sehr selten, weil sich Tausende Drähte lückenlos zusammenfinden müssen.
Aus diesem Grund sieht man nur sehr vereinzelt Beziehungen, in denen die
Leute sich erfüllt fühlen, wo sie sexuell, emotional und praktisch
gleichermaßen glücklich sind. Aber es passiert – man muss nur Glück haben.
Ist es Ihnen je passiert?
Ja, aber erst sehr spät
im Leben. Ich habe viele Beziehungen in meinem Leben geführt, und sie haben
mir eine bestimmte Menge Glück, aber auch eine gewisse Menge Schmerz
beschert. Und dann plötzlich, spät im Leben, kommt diese Frau, von der ich
nie im Leben geglaubt hätte, dass ich irgendein Interesse für sie entwickeln
könnte. Ich bin wirklich aus allen Wolken gefallen. Ich habe immer auf diese
blonden, intellektuellen New Yorker Frauen gestanden, Philosophiestudentinnen
oder Neurotikerinnen von der Schauspielschule. Und plötzlich treffe ich diese
Frau die viel jünger ist als ich, die keinen Schimmer von meinem filmischen
Werk hat, die nichts übers Showbusiness weiß, aus Korea kommt und nicht mal
im entferntesten das Aussehen meiner Traumfrau vorweisen kann. Und es
funktioniert fantastisch, einfach fantastisch! Wir sind verheiratet, wir
lieben uns innig, haben zwei Kinder und machen einfach alles zusammen. Es ist
reines Glück, und ich hätte nie davon geträumt.
Wenn Sie eines Tages Ihren Klon träfen – würden Sie ihn
mögen?
Es gäbe einiges, was ich
an ihm mögen würde, anderes weniger.
Manche Seiten von mir finde ich sehr anständig, von anderen wünschte
ich mir, dass sie besser wären. Und manche meiner Charakterzüge finde ich
geradezu schrecklich.
Nennen Sie uns einige?
Ich meine, ich würde
nichts Schreckliches anstellen, aber ich weiß einiges, was dringend
verbesserungswürdig wäre: Ich bin ein mittelmäßiger Künstler, ich bin faul,
ich bin bisweilen sehr unsensibel im Umgang mit Leuten. Ich bin wohl nicht
der absichtlichen Grausamkeit schuldig, eher einer Art fahrlässigen
Grausamkeit. Ich habe durch solche Fahrlässigkeit schon Leuten weh getan, und
ich finde, ich sollte eigentlich irgendwann darüber hinaus gelangen.
Welche Fehlwahrnehmung Ihrer selbst in der Öffentlichkeit
würden Sie gern korrigieren?
Die übliche ist, dass ich
der Mann bin, den die Leute im Film zu sehen bekommen. Ich verspreche Ihnen:
Dem ist nicht so.
Zum Schluss noch einmal zurück nach New York. Wie ist die Stimmung jetzt in
der Stadt?
Ich bin bis vergangenen
Montag abend in New York
gewesen, und zu dem Zeitpunkt versuchte man allenthalben, die Dinge wieder
ins Rollen zu bringen und nach vorn zu gucken.
Wird also New York in
absehbarer Zeit wieder New York
sein?
New York ist jetzt schon wieder New York, und sogar
als es passierte, war es das: Die Leute haben sofort und direkt begonnen zu
handeln. New York
ist einfach großartig.
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