|
In der Wunderkammer der
wiedergefundenen Zeit
Mitten in Berlin gibt es eine unbekannte
Sammlung voller Kunsthandwerk, Kunst und magischem Gerät. Ihre Besitzerin
Ursula Ziebarth hütet aber auch kostbare Erinnerungen an Künstler wie Otto
Dix, an Gelehrte wie Wilhelm Pinder - und an Gottfried Benn, als dessen Muse
sie in die Literaturgeschichte einging.
Erschienen November 2007
in der Frankfurter Allgemeine Zeitung
Text: Henrike Thomsen,
Fotos: Bettina Keller
|
In
einer der vielen Gegenden Berlins, wo nach dem Zweiten Weltkrieg kein Stein
auf dem anderen geblieben ist, steht ein
kleines Haus. Es gehört zu einer Schneise von schnärkellosen Reihenhäusern
und bescheidenen Hochhäusern aus den fünfziger Jahren. Dazwischen stehen
prachtvolle Gründerzeitbauten, auch das nah gelegene, großbürgerliche Domizil
von Gottfried Benn ist noch intakt, in dem der Dichter bis zu seinem Tod
wohnte, schrieb und nebenbei seine "mickerige Tripperpraxis" für
Prostituierte betrieb. Aber ebenso nah liegt die Stadtautobahn. Wer hier in
Schöneberg wohnt, wohnt mitten im Bruch. Und wer an der Haustür bei "Ziebarth"
klingelt und von einer kleinen, zartgliedrigen Frau eingelassen wird, deren
langes schwarzes Haar grau durchsetzt ist, gerät in einen magischen Berg
Sesam voller Schätze und exotischer Gegenstände aus aller Welt - und voller
Erinnerungen an Berlin vor dem Krieg, an Künstler wie Benn und Otto Dix, an
Gelehrte wie Wilhelm Pinder. Ursula Ziebarth war ihre Schülerin und ihre
Muse. Vor sechs Jahren hat sie ihren Briefwechsel mit Benn
("Hernach", 2001) veröffentlicht, sie hat preisgekrönte Prosa wie
"Hexenspeise" verfasst.
Unbekannt
dagegen ist ihre Sammlung von Kunst, Kunsthandwerk und Gebrauchsgegenständen,
die sie seit fast sechzig Jahren zusammenträgt, rund 37 000 Objekte und
achttausend Bücher bisher: eine Mischung aus Wunderkammer und Fürstensammlung,
aus Klosterschatz und kultischem Schrein, aus Puppenstube und Spielzeugkiste.
Da steht eine lebensgroße Nixe aus Thailand formvollendet geschnitzt
und leuchtend bemalt. Um sie herum gruppieren sich weitere Undinen aus Mexiko
und Europa; eine aus Koralle geschnittene Meerjungfrau aus Neapel ist gerade so lang wie ein Kinderfinger.
Dutzende Schtetl-Figuren aus Polen sind hier zu finden, Reiterstatuen
aus Indien und China und ein
Elfenbein-Schachspiel, Fächer aus China, Japan, Frankreich und Afrika, gefertigt
aus Pfauenfedern oder Papier. Und da sind vor allem Tiere: Allein 32
Elefanten stehen auf engstem Raum. Und
Gottheiten: Ein kniehoher, 280 Jahre alter vietnamesicher Buddha
gehört zu den kostbarsten Stücken, aber auch die
ägyptische Abteilung glänzt mit Statuetten wie einem Apis-Stier aus der 18.
Dynastie aus blauer Fayence und der löwenköpfigen Göttin Sachmet. Dazwischen
eine versilberte Schädelschale samt Gebetsglocke und Vajra aus Nepal;
Hausaltäre mit quietschbunten,
synkretistischen Naturszenen aus Südamerika und Architekturmodelle aus
Russland mit himmelstürmenden Kirchenfassaden aus Silberblech. In der
Spielzeugkollektion fahren Autos und Busse aus dem Vorkriegs-Berlin mit
Sammeltaxis aus Afrika und Südamerika um die Wette; Flugzeuge allen Typs
stoßen vom Himmel.
Die
Herberge der stummen Rede.
"Wenn
sie ein Buch über ihre Sammlung schreiben würde, hätten wir ein Lehrbuch über
die Welt", sagt Hermann Beil. Der Codirektor des Berliner Ensembles hat
Ursula Ziebarth bei ihren häufigen Theater-Besuchen kennengelernt. "Mit
ihrer Kenntnis und ihrem Enthusiasmus betreibt sie ein lebendiges Studium
generale." Beil gehört zu den wenigen Handverlesenen, die Ursula
Ziebarths Vertrauen haben, auch der befreundete Richard von Weizsäcker kennt
die Sammlung. Doch öffentlich hat sie die nie gezeigt und bleibt dabei, auch
wenn sie dafür gesorgt hat, dass die
Stücke nach ihrem Tod an ein
Museum gehen - und
tatsächlich an einem Buch darüber arbeitet: "Die Herberge der stummen
Rede". Ursula Ziebarth wurde 1921 in Berlin geboren - in der gleichen
Generation also wie Weizsäcker und Marcel Reich-Ranicki. Sie hat frei nach
Max Reinhardt ihre Kindheit in die Tasche gesteckt: Für die einzige Tochter einer künstlerisch begabten
Mutter und eines kunstinteressierten Arztes, der ihr Ziehvater war, muss man
sich Ursula Ziebarths Kindheit als verlorenes Paradies vorstellen:
"Meine Eltern gingen mit mir in Museen, auch in das Völkerkundemuseum,
da sah ich dann als begeisterte Leserin von Karl May und Jules Verne, was die
Indianer wirklich für Sachen hatten."
Ihr
Ziehvater sammelte Uhren, Porzellan und medizinisches Gerät und inspirierte
das Mädchen, eine Kollektion der schönsten Bälle und Kreisel
zusammenzutragen. Der Großvater unterhielt im neumärkischen Woldenberg (heute:
Dobiegniew) ein
Theater- und
Konzerthaus. Ihre Mutter sei als Mädchen abenteuerlustig genug gewesen, um
sich einem durchreisendem Trupp Roma anzuschließen, erzählt sie. Ihrer
Tochter habe sie das Reisen deshalb lieber gleich offiziell gestattet:
"Für meine erste Auslandsreise mit vierzehn Jahren in die Schweiz hatte
ich von meiner Mutter eine Bestätigung, die es mir erlaubte. Ich verblüffte
die Hoteliers, indem ich da alleine anmarschiert kam. Ich hatte zwei lange
Zöpfe, das war deutlich ein Schulkind auf Reisen." Bis zu ihrem Abitur
reiste Ursula Ziebarth eigenständig nach Italien, Frankreich und Holland. Doch dann
marschierte die Wehrmacht in die Nachbarländer ein. Mit der sorglosen
Kindheit war es ohnehin längst vorbei: Der Ziehvater war Jude. Die Familie
habe ihn für fünf Jahre versteckt, was bei seiner Bekanntheit als Gesichts-
und Kieferchirurg nicht einfach gewesen sei, erzählt sie - und möchte nicht
weiter daran rühren. Wenigstens überlebte er, ihre Mutter und Großmutter
starben nach einem Bombenangriff am 3. Februar 1945; die Familienwohnung war
vorher zerstört worden. Als Gottfried Benn 1955 die Gegend der heutigen
Bundesallee aufsuchte, um "zu sehen, zwischen welchen Häusern und
welchen Himmeln Du aufgewachsen bist", fand er eine weitere Neubauschneise.
Mit der Wohnung ging auch Ursula Ziebarths erste Sammlung verloren. Sie
selbst überlebte, weil sie beim Angriff im Februar 1945 wie jeden Samstag in
das Plato-Kolleg des Philosophie- und Pädagogikprofessors Eduard Spranger in
der Friedrich-Wilhelm Universität gegangen war, an der sie Geschichte,
Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie studierte.
Der
Zweite Weltkrieg zerstörte Ursula Ziebarths Welt. Auch das Theater in
Woldenberg ging mit dem Einmarsch der Roten Armee verloren. Den Schlusspunkt
markierte 1947 der Tod von Wilhelm Pinder - der berühmteste deutsche
Kunsthistoriker neben Heinrich Wölfflin, der mit seiner populären
Bildband-Reihe "Die Blauen Bücher" ein Millionenpublikum erreichte,
war Ursula Ziebarths Lehrer gewesen. Mit Pinder unternahm sie auch im
Krieg Exkursionen, um Kunst und
Kirchen zu studieren; sie besuchten Gründgens' Schauspielhaus, Hilperts
Deutsches Theater und nach 1945 die wiedereröffneten Bühnen. Für Ursula
Ziebarth, die auch Männer sammelt, war er so wichtig, dass Benn noch 1954
rückblickend eifersüchtig wurde auf seinen charismatischen Vorgänger. Pinder
verkörperte das Geistesleben vor 1933, einen Abglanz der alten Welt, an dem
sie sich festhalten konnte, auch wenn gleichzeitig auf Pinder wie auf Benn
der Schatten des Hitler-Sympathisanten lag. 1947 starb Pinder an den Folgen einer Untersuchungshaft, in die er
geraten war, weil man ihn mit einem räuberischen Kunsthändler namens Binder
verwechselt hatte.
1947
siedelte Ursula Ziebarth ins Künstlerdorf Worpswede über. Das Leben der Bohème mit den niedersächsischen Bauern war aber noch
karger als in den Städten. Sie ließ sich davon nicht beirren, schlug sich als
Kinderbuchautorin und mit literarischer Publizistik durch und begann den
Aufbau ihrer Sammlung: "Bei der Währungsreform 1948 gab es vierzig Mark
Kopfgeld, für zwanzig Mark habe ich mir Lebensmittel und Strümpfe gekauft und
die anderen zwanzig Mark sofort für erzgebirgisches Spielzeug ausgegeben. Im Grunde
mache ich das bis heute so, wenn die Rente kommt, wird das Normale abgebucht,
vom dem Rest kaufe ich mir etwas." Energisch verbittet sie sich die Frage nach dem materiellen Wert ihrer
Sammlung, die sie nicht umsonst "Die Kunst der armen Leute" nennt.
Den einfachen Lebensstil hat sie seit
Worpswede beibehalten: "Ich habe mir nie ein Auto gekauft. Kleider erbe
ich von Freundinnen oder finde sie auf
dem Markt." Und dann traf Ursula Ziebarth Gottfried Benn. Das war 1954.
Bis zu seinem Tod zwei Jahre später war sie seine letzte zärtliche Passion,
ihr verdanken sich neben dem Gedichtband "Aprèslude" die in "Hernach"
versammelten Briefe - und eine Auswahl schöner Spitznamen unter Liebenden.
Benn tritt als schon etwas altermilder "Pummi" auf, der seinem
"Ponny" jeden Menge "Schnäutzchenküsse" sendet - manchmal
allerdings auch, um ihr den kritischen Mund zu schließen. Ursula Ziebarth zog
zurück nach Berlin
in seine Nähe und nahm eine Stelle als Bibliothekarin im Deutschen Institut
für Wirtschaftsforschung an, die sie bis zu ihrer Pensionierung behalten
sollte. Sie begann mit wachsendem ethnologischen Interesse für
außereuropäische Kulturen wieder zu reisen und brachte immer neue Trophäen
zurück. "Ich frage mich
manchmal, was Benn heute zu mir sagen würde, wenn er durch die Sammlung
ginge", sagt sie. "Er würde sagen, na ja, sie war eben so, sie hat
sich ihre Welt geschaffen."
Zaubernüsse,
die die Welt deuten.
Ein
ganz besonderes Reich in dieser Welt verbirgt sich im Inneren von Nüssen.
Eine einfache Tschechin etwa hat Walnüsse zu Klappaltären gemacht und darin
die Geburt Christi und die Anbetung der Könige dargestellt. In den
stecknadelgroßen Gesichtern und fein geschnitzten Körpern liegt ein
hinreißender Ausdruck. Bettina Dix beherrscht diese Überraschungskunst noch
glänzender. "Wenn Herbst ist, die Walnüsse fallen", so beschreibt
es Ursula Ziebarth, "sammelt Bettina sie auf, öffnet sie so vorsichtig,
dass die Schalen unbeschädigt bleiben . . . , und
wenn ich so ein Kernhäuschen wiedersehe, enthält es entweder einen Garten mit
Springbrunnen oder einen Ballsaal mit Spiegelwänden und Lüster, der Wald,
durch den Rotkäppchen geht, das Meer mit einem vereinsamten Schiff darin,
oder eine andere Flut, aus der Poseidon und eine Meerfrau auftauchten."
Die Künstlerin war ihr zuerst durch eine Porträtzeichnung ihres Großvaters
Otto begegnet; später freundete sie sich mit dem Maler und seiner Familie an.
Die
Zaubernüsse enthalten im Kern jene Philosophie, die die "Kunst der armen
Leute" zusammenhält. Es geht um Kostbares und Schönes, das sich dort
auftut, wo man es nicht erwartet - im spröden Alltag, in Allerweltsgegenden
wie der, wo sich die Sammlung befinden. Es geht um verpuppte Reize und
Kräfte, die sich wie im Mythos unerwartet entfalten - in typisch
mädchenhaften Mythen-Szenarien übrigens. Es geht darum, dass diese oft
übersehene "Alltags-Kunst" nicht weniger wert ist als die offiziell
"reiche Kunst" eines Benn, Dix oder Picasso, die gleichberechtigt
in Ursula Ziebarths Buchregalen steht und an ihren Wänden hängt. Vielleicht
aber sind Ursula Ziebarths Schätze gar nicht für die Augen der Lebenden
bestimmt: "Als Vermittler zwischen Erde und Jenseits, zwischen Profanen
und Sakralem" nehmen sie an einem Austausch teil, durch den "die
sichtbare Welt mit der
unsichtbaren" verbunden ist, wie es Krysztof Pomian in seinem
Buch "Der Ursprung des Sammelns" formuliert hat. Doch Ursula Ziebarth hat gar keinen Hang zu
esoterischem Denken. Was aber ist dann die mediale Funktion ihrer Sammlung? Sicher die Rückkoppelung mit der
lebendigen Welt, die sie mit ihren sechsundachtzig Jahren nicht mehr bereisen
kann. Vermutlich aber auch, den Kontakt zu wahren mit der im Krieg verlorenen
Welt.
Sammeln
und Archivieren hat längst auch seinen Platz in der Kunst, von den surrealen
Assemblagen eines Joseph Cornell, Marcel Broodthaers oder des
"Schamanen" Joseph Beuys bis zu den melancholischen Installationen
von Kleidern, Schuhen und Koffern
eines Christian Boltanski. In diese Richtung arbeitet auch Ursula Ziebarth.
Dass sie ihre Sachen lieber für sich
behält, macht dabei das charakteristische "Glück des Sammlers" aus,
wie Benjamin es 1931 beschrieben hat: "Ist nicht das die Beseligung, die
über den Erinnerungen waltet, dass wir in ihnen mit unserem Dasein allein
sind und dass selbst die Menschen, die darin auftauchen, dieses zuverlässige
und bündnishafte Schweigen annehmen." Ursula Ziebarths Sammlung darf man
als ein genuines Kunstwerk betrachten.
|